Episode 1: Vom Buchhalter zum Philosophen, oder: KI wird deinen Job nicht fressen, aber…
Die Finanzbuchhaltung gilt als der aussterbende Panda des Finanzwesens. Diese Floskel hing wie ein Damoklesschwert über Inge. Weil ihe Branche am stärksten von KI bedroht war. Ja, Inge gab es ohne Umschweife zu: Sie als Angestellte in der Debitorenbuchhaltung in der Stadtverwaltung hatte Respekt vor KI! Sie betrachtete ihren Job als das, was früher der Bahnwärter war. Diesen mittlerweile völlig obsoleten Menschen, der die Schranke herunterkurbelte, wenn ein Zug kam. In ihrer Generation eine nahezu mythische Gestalt, wie ein Märchen, die ihnen ihre Großeltern erzählt hatten.
Wäre sie in der freien Wirtschaft angestellt, dann wäre sie schon längst von einer riesigen Kündigungswelle davongeschwemmt worden.
Letztens hatte sie sich diese freiwillige 60-minütige Schulung namens „Zukunft mit KI –Big Data und Kritisches Denken“ gegeben, die in der internen Bildungsbörse ihrer Stadtverwaltung angeboten wurde. Weil ihr Hirn bei dreißig Grad Lufttemperatur an einem Montagnachmittag im Hochsommer einfach Gemüse war.
Wie die Schulung war? Eine Vortragende, die so geschwollen redete und ihre Mimik und Gestik so professionell einsetzte, so dass Inge schon den Verdacht hegte, dass dieses weichgespülte Schulungsvideo bereits ein KI-erstelltes Deepfake war.
Obwohl die Haushaltslage ihrer Stadtverwaltung eigentlich klar dagegensprach. Die Quintessenz des wenig interaktiven Videos: KI wird eure Jobs nicht fressen; nein, nur verändern, nämlich … von Buchhalterin zu Obdachlose mit Laptop? – Aber nein. Hin zu kritischem Denken. Ihr werdet nämlich nach wie vor gebraucht, mehr denn je!
Kritisches Denken war also die Devise. Denn in dieser Disziplin war die menschliche der künstlichen Intelligenz um Längen voraus, ja! Und das würde auch noch lange so bleiben. Gesunder Menschenverstand eingesetzt. Stupide, sich widerholende Routinearbeiten gehörten bald der Vergangenheit an.
Tja. Aber was, wenn genau diese Arbeiten den Menschen insgeheim gefallen hatten? Wenn nach fünf oder sechs Stunden Arbeit einfach die Luft raus war und das Hirn einfach nur noch das Bedürfnis hatte, die letzten zwei Stündchen im Leerlauf zu arbeiten, mit Tätigkeiten, die etwas weniger Gehirnschmalz erforderten? Wie soll man denn sonst acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche durchhalten? Gegen vier Tage wehrt sich die Politik ja vehement. Denn wer braucht schon Lebensqualität? (Bezeichnenderweise gehörten diese Politiker jener Generation an, die sich als Kind gefreut hat, dass „Vati samstags ihnen gehöre“. Eine Errungenschaft der Gewerkschaften in den harten Nachkriegsjahren, was man heute gern unter den Teppich kehrt. Das Referatsthema, das ihr im Geschichtsunterricht der Oberstufe eingebrockt worden war, bescherte Inge immerhin eine Drei Plus, und einen Hass auf Powerpoint.)
Wird ein Arbeitstag mit KI automatisch produktiver und weniger zäh; flutscht es dann plötzlich wie geschmiert, wenn wir dann nur noch kritisch denken dürfen anstatt den grauen Zellen mal eine verdiente Atempause zu schenken? Ist das nicht schlimmer als Multitasking, das ja mittlerweile auch dem vielzitierten, viel besseren Monotasking gewichen ist? Noch dazu im Hochsommer im Amt! Wo man leider nicht den Luxus von Klimaanlagen genoss, sondern sich mit einem trägen, vorchristlichen Ventilator begnügen musste, der im worst case im ganzen Flügel für einen Stromausfall sorgte – nur nicht in ihrem eigenen Büro. Kritisches Denken sprengte die Belastungsgrenzen. War das nicht auch mindestens eine Gehaltsstufe über ihrer eigenen? Gäbe es dann mehr Beförderungen in den gehobenen Dienst? Vom Buchhalter zum Philosophen?
Bisher musste sie nämlich wenig kritisch denken im Tagesgeschäft. In der Schule hatte sie das nicht mal vermittelt bekommen. Herr Hartmann damals hatte ja selbst nicht mal weiter als von der Tafel bis zum Papierkorb gedacht.
Inge hatte keine Schulung über Kritisches Denken nötig. Sie dachte bereits kritisch, viel zu kritisch, vor allem wenn sie in den Spiegel blickte. Ihr mangelte es weder an Fantasie noch an Weitblick, sich eine Dystopie auszumalen mit dreimal so viel Arbeitslosen. Und das nicht nur, weil sie Bücher verschlungen hatte, die eine düstere Fortsetzung des vielzitierten Orwell waren.
Nein, aus ihrem Dilemma helfen könnte ihr wohl einzig Weiterbildung. Da reich heiraten leider ausschied, das hatte sie irgendwie so im Gefühl… Nebenberuflich bilden, nach acht Stunden Arbeit, oder ein paar Prozent reduzieren. Sie müsste sich mal die Voraussetzungen für den Verwaltungslehrgang anschauen, die ihre Stadtverwaltung für Quereinsteiger anbot. War das nicht der Bachelor der „Macher“? Aber wäre es nicht zu verwaltungsspezifisch? Wäre sie mit einem richtigen akademischen Bachelor besser aufgestellt für die Widrigkeiten der „VUCA-Welt“ – auch ein Wort aus diesem Video. Wie ein omipotenter, schleimiger Bewerber-Ditto, der sich allen Herausforderungen bestens anpassen konnte. Vielleicht wäre „ein Bachelor gleich welcher Art“ zukunftsträchtiger, wie er genauso gefordert wurde in den höher dotierten Stellenanzeigen, die sie gesucht hatte, nachdem das Video zu Ende war?
Wie sah es eigentlich mit der Zukunft in der Bildung aus? Sie wusste von einer Lehrerin, dass selbst sie KI benutzte, um die Prüfungsaufgaben für ihre Schüler zu erstellen.
Würde KI bald die ausgebrannten Lehrkörper und Dozenten ablösen? Schließlich war das eine noch unterschätzte Technologie, die alle bisherigen Meilensteine über Industrialisierung und Digitalisierung in den Schatten stellte. Die Erfindung der Schreibmaschine oder des Personalcomputers damals hatte zumindest keine Sekretärin ersetzt. Sie war ein echtes Tool der Erleichterung geworden, auch wenn manchmal die Druckertinte leer wurde.
So ein Dozent war da schnell ersetzt, wenn ein Bundesland ernsthaft einsparen musste. KI-generierte Videos und Skriptfolien, gespeist aus den Wissensdatenbanken der Uni-Bibliotheken, die bereits digitalisiert waren. Klausurerstellung und -auswertung ebenfalls per KI, schön bequem Multiple Choice, wie die Verständnisfragen am Ende ihrer Schulung, damit sie das Teilnahme-Zertifikat ausdrucken und zu ihren Unterlagen heften durfte.
Schrieben die Studenten ihre Hausarbeiten nicht schon verbotenerweise mit KI? Technologien, deren Serverfarmen in der dritten Welt die Ressourcen fraßen, während sie wöchentlich bei Klima-Demos mitmarschierten? Wie man es auch drehte, es war ein intellektuelles Wettrüsten gegen die Dozenten, die die teuerste KI-Erkennungssoftware nutzen mussten, die auch nur so gut war wie das jüngste Update der studentischen KIs. Ein Wettlauf wie mit dem Hasen und dem Igel.
Die Masse muss eben immer erst mit voller Breitseite in den Scheißhaufen hinein patschen wie die Kinder ihrer Cousine, bevor sie überzeugt sind, dass sie stinkt.
Inge kam sich auf verlorenem Posten vor, alleine, wie auf einer Insel mit ihrer Meinung. Zwar gaben ihr manche Leute recht, die die Entwicklung ähnlich sahen. beispielsweise ihre Arbeitskollegin, die im Herzen ein Revoluzzer war, tatsächlich aber eher eine Gummibärchenkönigin. Aber was nützte es, wenn ihre Teamleiter nur eine Meinung duldeten? Und niemand wirklich etwas unternahm? Am Ende wäre sie bloß die Ewiggestrige, eine frustrierte Spaßbremse, die anderen nichts gönnte.
Dabei würde Inge doch sehr vielen Leuten etwas gönnen! Leider war KI bis jetzt körperlos und besaß keine Arme und Beine. Wobei. Wurden aktuell nicht KI-Sexarbeiterinnen entwickelt? Silikonpuppen mit täuschend echter Haut und Funktionen, wegen der Kaufkraft der Zielgruppe horny Tech-Nerds? Auf diese Weise mussten immerhin weniger echte Frauen sich entwürdigen und für männliche Perversitäten ausbeuten lassen.
Nachts ins Bett, tagsüber ans Bett, denn die könnten doch auch noch wunderbar in Altenheimen eingesetzt werden. Dem Hintern war es egal, wie zart die Hand der Dienstleisterin war, die ihn abwischte. Dem Demenzkranken, oder auch dem Freier könnte es nicht gleichgültiger sein, ob eine unterbezahlte Polin die Dienstleistung verrichtete, oder ein Algorithmus mit Titten und künstlichem polnischem Akzent.
Zack, Fachkräftemangel beseitigt, Politiker glücklich! Hure und Heilige im androiden Gewand. Alternative Pflegekräfte subventioniert durch lüsterne Männer. Die Feministinnen wären auch glücklich, weil sie sich an modernen Diskursen abarbeiten konnte, wie: „Was ist eine KI-Frau? oder: Zementiert diese künstliche Weiblichkeit das Patriarchat endgültig?“
Sie griff sich seufzend einen koffeinhaltigen Proteinriegel aus ihrer Schublade. Obwohl sie wusste, dass Zucker keine Lösung war, bloß Stärke. Vielleicht sollte sie mal mit KI einen Ernährungsplan erstellen…? Ihre Mitbewohnerin Hannah schwörte doch so darauf.
Episode 2: Inges Neujahrsvorsatz
Inge war wie jedes Weihnachten auf Besuch in der Heimat, bei ihrer Familie. Sie verzehrte Plätzchen, Stollen, Lebkuchen und Schokolade. Kartoffelsalat und Braten. Trank mit ihnen Punsch, Saft, und ein bisschen Eierlikör. Dafür verfluchte sie sich. Jeder Bissen, jeder Schluck ein Sargnagel ihrer Träume, jemals wieder so etwas wie schlank zu sein.
Sie durfte ihre Hand auf den schwangeren Bauch ihrer Cousine legen. Die trug einen Verlobungsring und wurde nicht müde, ihn herum zu zeigen. Ihr Verlobter war dafür von der Schichtarbeit (oder vom Zocken?) umso müder und schnarchte auf der Couch. Keiner hörte es, wie Inge telepathisch zu dem Kind im Bauch sagte: Hallo Baby. Hier ist deine jungfräuliche Tante. Und ich gehe jede Wette ein, dass du deine Unschuld wohl noch vor mir verlieren wirst. Wird sicher nicht lange dauern, bloß anderthalb Jahrzehnte.
Nichts davon sagte sie laut. So leise wie bitter hallte es in ihren Gedanken wider, während sie ihre Cousine anlächelte. Inge freute sich ja mit ihr, während sie für sich selbst festgelegt hatte, dass sie kein Kind wollte – niemals, mit niemanden u d unter keinen Umständen. Sie ist sich selbst Kind genug. Babys und kleine Kinder fand sie noch nie süß, aber das nahm ihr ihre Cousine eh nicht ab.
Als Mutter ist man zu sehr abhängig, stellte Inge fest, das wäre überhaupt nichts für sie. Ihr kam es so vor, als könnten Mütter in dieser Welt nur verlieren. Inge hat viel zu viele Bücher von Müttern übers Muttersein gelesen, als dass sie da noch eine rosarote Brille aufhätte und sich Träumereien hingeben würde.
Nee, in diesem Leben nicht mehr, hatte sie irgendwann in den letzten Jahren für sich beschlossen. Es aber noch niemanden so kommuniziert. Sie wurde ja auch nie zu ihren Plänen befragt, weder von ihrer Familie, die einfach stillschweigend voraussetzte, dass Inges Einstellung zu dem Thema „default“ war. Noch von denjenigen, die da per biologischer Tatsache ein persönliches Interesse daran haben könnten. Inge hatte ihre Entscheidung noch nie jemandem gegenüber rechtfertigen müssen.
Inge war keine Karrierefrau, sie arbeitete einfach so vor sich hin. Mit dreißig Jahren hatte sie weder Kinder, noch Karriere gemacht. Kein Studium. Kein „Business“, keine Selbstverwirklichung. Kein Burnout, keine finanzielle Durststrecke, keine schlaflosen Nächte vor der nächsten Mietzahlung. Eat work sleep repeat, war ihre Devise.
Und! Was passierte just in dieser Sekunde, als sie ihre Finger auf dem gerundeten Ringelpullover hatte?! Das ältere Kind ihrer Cousine hatte die Hosen voll und es knabberte seelenruhig an der Lederhülle von Inges Smartphones!
Das einzig Gute an Kindern? Ihr Präsenz lenkte zuverlässig die Verwandten von Inge ab. Sie musste niemanden unterhalten, nichts erzählen. Bei ihr gab es sowieso nichts Neues. Alles wie letztes Jahr: Selbe WG mit Hannah, selber Name, selber Beziehungsstand, selber Job in der Debitorenbuchhaltung der Stadtverwaltung, selber Pflichturlaub an der Nordsee wie jedes Jahr. Sogar selbe Frisur und Klamotten. Nur ein Kilo mehr Selbsthass. Kein bisschen Selbstoptimierung, nicht die Spur.
Ein paar Tage später an Silvester, pünktlich zum Countdown zum neuen Jahr, und auch ihrem dritten Lebensjahrzehnt, stand sie planlos herum und stieß mit Familie und Nachbarn mit Sekt an, und atmete die versengte Nachtluft der Raketen ein.
Praktisch, zwei Feiergründe in einem einzigen Tag abgefrühstückt, sehr effizient.
Wünsche? Inge wünschte sich gar nichts mehr. Das brachte so wenig wie all die Jahre zuvor. Inge war wunschlos unglücklich. Ohne Wünsche, Pläne oder Vorsätze für das neue Jahr. Doch, vielleicht eine: Dieses Jahr plante sie, keine einzige Single-App zu benutzen. Definitiv. Das war sicher machbar.
Es brachte sowieso nichts außer Frust. Eine Challenge der besonderen Art: Der liebestechnische Nullpunkt. Derselbe Output, ohne den ganzen Aufwand. Inge Brunner existierte seit drei Jahrzehnten unter dem Radar. Mit oder ohne Single-Apps.
