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Zwischen zwei Herzschlägen

Lichter über Sinnoh
von

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Das Rote Garados

Der Fernseher in seinem Zimmer summte noch leise. Nicht laut, nicht aufdringlich – eher so, als würde er schon seit Stunden warten. Finn saß auf dem Fußboden seines Zimmers auf einem Teppich der wie ein Pokéball aussieht. Die Knie angezogen, die Fernbedienung achtlos neben sich. Auf dem Bildschirm bewegte sich Wasser. Ein Reporter von Jubelstadt TV sprach von einem seltenen Phänomen in einem fernen See. Von ungewöhnlichen Messwerten. Von einem Pokémon, welches sich nicht so verhielt, wie es sollte. Ein rotes Garados durchbrach die Wasseroberfläche! Finn hielt unbewusst den Atem an. Das andersfarbige Pokémon brüllte, ein Laut wie ein reißender Strahl, und für einen kurzen Augenblick wirkte es, als würde der Bildschirm selbst erzittern. Dann flackerte das Bild, der Bericht wechselte, der Ton wurde wieder belanglos, doch Finn saß immer noch da. Auf seinem Pokéball-Teppich, fasziniert von dem, war eben gesehen hatte. Sein Herz schlug schneller, als hätte etwas in ihm geantwortet. Er wusste nicht warum, aber doch war ihm eines klar. ‚Irgendwann werde ich dieses Pokémon sehen‘, dachte er sich. Am nächsten Tag roch das beschauliche Dorf in dem er wohnte nach Tau und frisch gemähten Gras. Finn trat aus dem Haus heraus, den Rucksack noch ungewohnt schwer auf seinen Schultern. Seine Mutter verabschiedete ihn mit einem Lächeln, das viel Stolz und wenig Sorge enthielt – als hätte sie immer gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Ihr Sohn sollte heute ein wahrhaftiger Pokémon-Trainer werden. Professor Eibe wartete bereits in seinem Labor. Es war hell erleuchtet, vollgestopft mit Büchern, Geräten und Karten der Sinnoh-Region. Drei Pokébälle lagen akkurat ausgerichtet auf einem Tisch. Finn betrat ehrfürchtig das Labor. Der Professor begrüßte ihn mit einem festen Händedruck.
 

„Das hier ist kein Spiel“, sagte der Professor mit ernster Stimme. Finn nickte.

„Ein Pokémon ist kein Werkzeug. Es ist ein Partner Und der erste…“, Professor Eibe ließ den Satz bewusst offen.
 

Finn trat näher an den Tisch mit den Pokébällen heran. Sein Blick wanderte von Ball zu Ball. Er spürte ein Ziehen in der Brust – keine logische Entscheidung, viel mehr ein inneres Drängen. Er hatte immer auf diesen Tag hin gefiebert. Finn nahm einen Ball in die Hand berührte die kleine, kreisrunde Klickfläche, die den Pokéball öffnete. Panflam sprang heraus, landete unsicher auf dem Tisch und sah Finn mit großen, neugierigen Augen an. Eine kleine Flamme tanzte an seinem Schweif, unruhig, aber lebendig. Für einen Moment lang passierte nichts. Dann grinste Panflam – breit, frech, voller Energie – und Finn lachte ohne es zu merken.
 

„Scheint, als hätte es dich ausgewählt“, murmelte der Professor ganz leise.
 

Finn streckte den kleinen Feuer-Pokémon die Hand aus. Panflam zögerte keine Sekunde und so verließen sie beide gemeinsam das Labor. Finn spürte es sofort: Die Welt war größer geworden. Jeder Weg war plötzlich eine Möglichkeit, jeder Horizont eine Einladung für ein neues Abenteuer. Finn war voller Freude über das Bevorstehende ganz in seiner Gedankenwelt versunken, als plötzlich eine Stimme ertönte.
 

„Hey! Warte“ Die Stimme kam von hinten, klar und bestimmt.

Finn drehte sich um und sah ein Mädchen mit bläulichen Haaren, die in der Morgensonne fast silbern wirkten. Sie trug eine Umhängetasche und hielt einen Pokédex hoch, als wäre dieser eine Eintrittskarte.

„Du gehst doch auch raus, oder“ fragte sie ohne wirklich auf eine Antwort zu warten und fuhr direkt fort: „Mein Name ist Lucia“. Finn nannte seinen Namen. Sie nickte, musterte Panflam und lächelte. „Dann gehen wir ein Stück zusammen“, sagte Lucia. Es klang nicht wie eine Frage.
 

Die Route führte beide aus dem Dorf hinaus, vorbei an Feldern, die sich im Winde wiegten. Lucia erzählte von Pokémon-Wettbewerben, von Träumen, die weniger mit Siegen und mehr mit Ausdruck zu tun hatten. Finn hörte gespannt zu, mehr als er sprach. Am Abend machten sie Rast nahe eines kleinen Sees. Das Wasser war ruhig, zu ruhig. Finn wusste nicht, warum er an den Bericht vom Vortag denken musste. An das Brüllen, an die rote Gestalt im dunklen Wasser. Er sagte nichts, aber Lucia bemerkte seinen Blick.
 

„Manchmal gibt es Pokémon, die aus dem Rahmen fallen. Die nicht so sind wie wir sie kennen und wie sie sein sollten“, sagte sie und blickte dabei aufs Wasser. Finn nickte langsam. Im Wasser regte sich nichts. Und doch hatte er das Gefühl beobachtet zu werden. Nicht von dort, sondern von weiter weg. Von etwas, das noch Zeit brauchte. Panflam kuschelte sich unterdessen fest an ihn. Finn sah sein kleines Pokémon an, dann blickte er in den Abendhimmel über Sinnoh. Er dachte, ohne es auszusprechen, dass diese Reise größer werden würde, als er sie sich jetzt schon vorstellen konnte. Und irgendwo, tief unter einer stillen Oberfläche, wartete ein roter Schatten darauf, dass die Welt ihn irgendwann einholen würde.

Der erste Weg

Am nächsten Morgen machten sie sich bereit ihre Reise fortzusetzen. Panflam lief voraus, sprang über Steine, blieb stehen, wartete. Immer wieder sah es sich um, als wolle es prüfen, ob Finn noch da war. Lucia ging neben ihm, der Blick nicht nach vorne, sondern in die Landschaft gerichtet. Sie wirkte nicht wie jemand, der aufbricht, sondern wie jemand, der unterwegs ist.
 

„Die meisten rennen los, als gäbe es irgendwo ein Ziel, das auf einen wartet“, sagte sie plötzlich.

Finn zuckte mit den Schultern. „Gibt es das denn nicht“, antwortete er. Lucia lächelte.

„Vielleicht schon, aber Pokémon merken, wenn man nur ankommt und nicht hinsieht“, sagte sie.

Finn war nicht sicher, was sie damit meinte, versuchte aber seine Unwissenheit bestmöglich zu verstecken.
 

Plötzlich stoppten sie. Ein wildes Staralili sprang aus dem hohen Gras. Panflam spannte sich an, bereit für seinen ersten Kampf. Finn spürte einen Moment lang Nervosität, dann volle Konzentration. Kein Jubel, kein Drama, er folgte einfach nur seinem Instinkt. Nachdem Panflam dem Flug-Pokémon mit seiner Glut-Attacke ordentlich einheizte, flatterte das Staralili angeschlagen davon. Finns erster Sieg. Er fühlte sich seltsam ruhig an. Später, an einem kleinen Bach, ließ Finn die Füße ins Wasser hängen. Lucia setzte sich neben ihn, zog ihren Pokédex hervor und machte sich Notizen. Nicht über Werte oder Attacken, sondern über Bewegungen und Ausdruck.
 

„Ich reise nicht um zu gewinnen“, sagte sie. Sie fuhr fort: „Ich reise um zu verstehen“.

Finn nickte. Er wusste noch nicht, was er suchte. Aber er wusste, dass dieser Weg nicht zurückführte. Und irgendwo, weit entfernt von diesem Bach, bewegte sich Wasser schwer und langsam. Als hätte etwas begonnen, sich zu erinnern. Beide gingen noch ein ganzes Stück weiter, als sie plötzlich wieder ein Rascheln im Gras bemerkten. Ein Sheinux trat hervor. Mit wachsamen Augen sah es Finn an. Kein Angriff, kein Fluchtversuch, nur Beobachtung. Finn spürte einen kurzen Moment des Abwägens, dann warf er den Pokéball aber nicht, eben noch nicht. Sheinux kam auf ihn zu. Panflam blieb ruhig daneben stehen und beobachtete alles ganz aufgeregt. Finn kniete sich hin und streichelte Sheinux über den Kopf. Er holte einen Pokéball aus seiner Tasche heraus. Als der Ball schließlich klickte, fühlte es sich weniger wie ein Fang an, sondern wie eine Entscheidung auf beiden Seiten.
 

„Ich habe mein erstes Pokémon gefangen“, sagte Finn stolz.

„Für mich sah es eher so aus, als hätte Sheinux dich gefangen“, sagte Lucia freudestrahlend. Sie freute sich für Finn.

Nachdem Finn also ein neues Teammitglied bekommen hatte reisten beide weiter und sie erreichten Jubelstadt.
 

Eine der größten Städte der Sinnoh-Region. Beeindruckend, groß und sehr laut. So überhaupt nicht Finns Welt, kommt er doch aus dem beschaulichen Zweiblattdorf. Beide gingen in ein kleines Restaurant und Lucia begann Finn eine Menge zu erzählen. Sie berichtete ihm an diesem Abend das erste Mal ausführlich von Wettbewerben. Nicht wie man sie gewinnt, sondern warum sie überhaupt existieren. Sie regte bei Finn ein Verständnis an, dass es nicht immer darauf ankommt stärker zu sein als der andere, sondern gesehen zu werden. Wirklich gesehen. Mit allen Facetten. Lucia berichtete Finn von ihrer Mutter, eine der erfolgreichsten Koordinatorinnen aller Zeiten. Ihr Charmian sei kein Kämpfer gewesen für Arenen, aber auf der Bühne habe es etwas gezeigt, das im Kampf keinen Platz hatte: Haltung, Timing und Vertrauen.
 

„Ein Wettbewerb ist kein Urteil. Er ist eine Einladung hinzuschauen“, sagte Lucia. Finn hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Er dachte dabei an Panflam, an Sheinux, an das leise Gefühl, dass Stärke viele Formen haben konnte. Und zum ersten Mal fragte er sich, ob reisen nicht auch bedeuten konnte, anderen beim Träumen zuzusehen und nicht nur seinen eigenen Traum zu verfolgen. Am nächsten Tag würde er das erste Mal einen Wettbewerb sehen. Aber nun gingen beide zu Bett. Lucia hatte morgen schließlich einen großen Tag vor sich.

Applaus ist kein Sieg

Die Halle wirkte größer als jede Arena, die Finn bisher gesehen hatte. Kein Kampffeld, keine klare Linien, keine Trainer, die sich gegenüberstanden. Stattdessen Licht, Stimmen und Bewegung. Lucia sprach kaum während sei sich auf den Wettbewerb vorbereitete. Sie kniete vor ihrem Chelast, legte ihm beide Hände auf den Panzer, als würde sie seinen ruhigen Atem suchen. Panflam dagegen zappelte an Finns Seite, sprang auf und ab und konnte gar nicht abwarten was nun passieren würde. Als sie kurze Zeit später die Bühne betrat, wurde es still in der Halle. Chelast bewegte sich langsam, beinahe schwerfällig – doch jede Bewegung hatte einen klaren Ausdruck. Kein Zögern oder Stolpern. Es wirkte als hätte das kleine Winziglaub-Pokémon eine tiefe Verbindung zum Boden aufgebaut. Finns Panflam wäre gesprungen, hätte angegriffen und ein Zeichen gesetzt. Chelast tat nichts davon und genau das faszinierte. Dann kam Pachirisu. Es war kein plötzlicher Wechsel, sondern ein fließender Übergang. Pachirisu kam auf die Bühne, sein Schweif hoch erhoben, die Bewegungen präzise und doch verspielt. Kein übertriebener Effekt. Kein Zwang. Lucia gab kaum sichtbare Zeichen und Pachirisu antwortete sofort. Nicht aus blindem Gehorsam, sondern aus Vertrauen, dass die beiden miteinander verband. Finn hatte bisher nur Kämpfe gesehen und denen Pokémon gehorchten, das hier war jedoch etwas anderes. Finn war so beeindruckt, dass er beinahe vergaß zu atmen. Als Lucia ihre Aufführung beendet hatte setzte tosender Applaus ein. Doch es reichte nicht für den Gesamtsieg. Eine andere Koordinatorin namens Mireya erhielt die höchste Wertung. Sie war noch effektreicher und spektakulärer als Lucia, die einen sehr guten zweiten Platz belegte. Aber Lucia war nicht traurig. Der Stolz auf die großartige Leistung ihrer Pokémon überwiegte. Als Finn nach dem Wettbewerb wieder auf Lucia traf wusste er zunächst nicht was er sagen sollte. Er hatte erwartet, dass Lucia enttäuscht oder wütend ist. Aber dies war nicht der Fall. Stattdessen war da diese unglaubliche Ruhe, die sie ausstrahlte und Finn faszinierte.
 

„Du warst besser“, sprach Finn ihr aufmunternd zu.

„Nein, war ich nicht“, sagte Lucia und schüttelte mit dem Kopf.
 

Auf dem Weg zurück zum Pokémon Center lief Panflam, der den Wettbewerb auch beeindruckt mitverfolgte, ungewohnt still neben Finn her. Chelast dagegen trug seinen Pokéball, als hätte er etwas sehr Wichtiges erledigt. Man sah ihm den Stolz regelrecht an. Finn verstand noch nicht viel von Wettbewerben, aber er wusste eines: Stärke hatte mehr als eine Sprache. Und Lucia sprach eine, die er erst zu lernen begann. Am Abend trafen Finn und Lucia in der Lobby des Pokémon Centers von Jubelstadt dann zufällig wieder auf Mireya. Es war deutlich ruhiger, als noch zur Mittagszeit dort. Das Stimmgewirr war gedämpft, das Licht wirkte wärmer. Lucia saß auf einer der Bänke und ließ Pachirisu aus ihrem Pokéball. Das kleine Elektro-Pokémon setzte sich ganz still mit auf die Bank.
 

„Guter Auftritt“, ertönte plötzlich eine Stimme von hinten.

Lucia blickte auf. Mireya stand nur ein paar Schritte entfernt. Sie wirkte selbstsicher, ihr Lächeln freundlich, aber dennoch prüfend. Neben ihr schwebte ihr Pokémon, ein Driftlon, ruhig in der Luft.

„Danke, deiner auch“, antwortete Lucia. Mireya nickte.

„Du hast Kontrolle. Das sieht man nicht oft“, sagte Mireya fast sachlich und ohne Spott.

„Nicht alles muss größer sein, nur um besser zu wirken“, antwortete Lucia.

Für einen Moment schwiegen beide. Dann lächelte Mireya leicht.

„Wir werden uns wiedersehen“, sagte Mireya. Sie wandte sich um zum Gehen, blieb jedoch kurz noch einmal stehen und sah Finn an: „Du kämpfst, oder“, fragte sie ihn. Finn nickte überrascht, hatte er doch bisher nur teilnahmslos daneben gesessen, als Mireya sich mit Lucia unterhielt.

„Man erkennt es“, sagte Mireya zu ihm. Dann verschwand sie und ging die Treppe hinauf, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Lucia atmete erst einmal tief ein und aus, als Mireya weg war.

„Sie ist gut“, sagte Finn.

„Ja und genau deshalb ist sie gefährlich“, sagte Lucia.

Eine kleine Entscheidung

Der Weg nach Erzelingen war unspektakulär. Keine großen Kämpfe. Keine dramatischen Begegnungen. Keine Entscheidungen, die sich in diesem Moment wichtig anfühlten. Nur ein schmaler Weg, der sich durch die hügelige Landschaft Sinnohs zog. Staub blieb an ihren Schuhen hängen. Die Nachmittagssonne stand bereits tiefer am Himmel und tauchte die Felder in warmes Gold. Finn störte die Ruhe nicht. Im Gegenteil. Nach den aufregenden ersten Tagen fühlte sich dieser Abschnitt der Reise beinahe angenehm an. Panflam lief wie gewohnt einige Meter voraus. Mal sprang es auf einen Felsen, mal verschwand es kurz im hohen Gras, nur um Sekunden später wieder aufzutauchen. Seine Neugier schien grenzenlos zu sein. Lucia ging ein paar Schritte hinter Finn. Chelast trottete ruhig neben ihr her und wirkte dabei, als hätte es alle Zeit der Welt. Während Panflam ständig in Bewegung war, strahlte Chelast eine Gelassenheit aus, die Finn manchmal beinahe beneidete.
 

„Ich glaube, dein Chelast könnte sogar beim Weltuntergang noch entspannt aussehen“, bemerkte Finn. Lucia lachte leise.

„Und dein Panflam würde wahrscheinlich versuchen, dagegen zu kämpfen“, antwortete Lucia.

Panflam drehte sich kurz um, als hätte es seinen Namen gehört, hob stolz die Arme und rannte anschließend weiter.

„Siehst du“, sagte Lucia. Finn musste grinsen.
 

Die Reise war noch jung und dennoch fühlte sich vieles bereits selbstverständlich an. Die Gespräche. Die gemeinsamen Wege. Die kleinen Neckereien. Als würden sie sich schon deutlich länger kennen. Der Pfad führte sie schließlich an einem kleinen Waldstück vorbei. Die Bäume standen hier etwas weiter auseinander als zuvor, sodass Sonnenlicht durch die Kronen fiel und helle Flecken auf den Boden malte. Genau dort bemerkte Finn etwas. Ein kleines Pokémon saß direkt am Wegesrand. Es war unscheinbar. Fast hätte man es übersehen. Ein Knospi. Es bewegte sich kaum. Es saß einfach da und blickte ruhig in ihre Richtung. Finn blieb stehen. Auch Lucia blieb stehen, sagte jedoch nichts. Sie beobachtete lediglich. Panflam kehrte neugierig zurück und musterte das kleine Pokémon. Normalerweise wären wilde Pokémon sofort geflohen oder zumindest vorsichtig zurückgewichen. Doch Knospi blieb einfach sitzen. Als würde es auf etwas warten. Finn trat langsam näher. Noch immer keine Reaktion. Das kleine Pokémon blickte lediglich zu ihm auf. Seine Bewegungen wirkten vorsichtig. Beinahe schüchtern. Für einen Moment erinnerte ihn das an seine erste Begegnung mit Sheinux. Auch damals hatte er nicht lange nachgedacht. Eigentlich dachte er selten lange nach. Wenn etwas sich richtig anfühlte, handelte er meistens einfach. Manchmal war das ein Vorteil. Manchmal wider rum auch nicht. Aber bisher hatte ihn genau diese Eigenschaft überhaupt erst auf diese Reise gebracht.
 

„Willst du es fangen“, fragte Lucia schließlich. Finn zuckte leicht mit den Schultern.

„Vielleicht“, antwortete er.
 

Er kniete sich hin. Das Knospi beobachtete ihn aufmerksam. Kein Misstrauen oder Angst. Nur stille Neugier. Finn lächelte leicht.
 

„Du bist irgendwie seltsam“, sagte er.
 

Panflam setzte sich neben ihn und legte den Kopf schief. Knospi blickte kurz zu ihm. Dann wieder zu Finn. Die Entscheidung fiel beinahe von selbst. Finn nahm einen Pokéball hervor. Kein Kampf. Keine Attacken. Kein großer Moment. Nur ein kurzer Wurf. Der Pokéball traf Knospi leicht. Ein roter Lichtstrahl erfasste das Pokémon. Dann verschwand es darin. Der Ball fiel ins Gras. Ein letztes leichtes Wackeln. Dann blieb er ruhig liegen. Finn hob den Pokéball langsam auf. Er betrachtete ihn einen Augenblick. Fast überrascht darüber, wie einfach es gewesen war. Kein dramatischer Sieg. Keine Bewährungsprobe. Nur ein kleines Pokémon, das beschlossen hatte mitzukommen.
 

„Es passt zu dir“, sagte Lucia. Finn blickte auf.

„Wieso“, fragte er.

„Keine Ahnung“, antwortete sie und lächelte leicht.

Finn sah erneut auf den Pokéball.

„Es ist schwach“, sagte er.

„Noch“, antwortete Lucia sofort.

„Panflam war am Anfang auch nicht stark“, fuhr sie fort.
 

Finn konnte darauf nichts erwidern, denn sie hatte recht. Jedes Pokémon begann irgendwo. Jede Entwicklung begann klein. Vielleicht galt das nicht nur für Pokémon. Später, als die Sonne bereits tiefer stand und die ersten Lichter von Erzelingen am Horizont sichtbar wurden, ließ Finn Knospi erstmals aus seinem Pokéball. Das kleine Pokémon erschien mit einem kurzen Lichtblitz. Es sah sich kurz um. Dann stellte es sich direkt neben Finn. Panflam betrachtete den Neuzugang skeptisch. Es umrundete Knospi einmal, dann ein zweites Mal. Schließlich verlor es das Interesse und sprang auf einen nahen Stein. Knospi hingegen blieb ruhig sitzen. Fast unscheinbar und doch war da etwas an ihm. Etwas Verlässliches. Als die Silhouette der Arena von Erzelingen am Horizont auftauchte, blieb Finn kurz stehen. Zum ersten Mal spürte er ein leichtes Ziehen im Magen. Die Arena. Der erste Orden. Zum ersten Mal würde sich zeigen, wie weit er wirklich gekommen war. Panflam bemerkte seine Anspannung sofort. Auch Knospi blickte zu ihm auf. Ohne etwas zu tun oder etwas zu verlangen. Es war einfach da und plötzlich wurde Finn bewusst, dass nicht jede Reise mit einem großen Schritt nach vorne begann. Manchmal begann sie damit, stehen zu bleiben, sich umzusehen und etwas Kleines mitzunehmen, das später wichtiger werden würde, als man es sich in diesem Moment vorstellen konnte.

Der erste Prüfstein

Erzelingen wirkte am Morgen schwerer als die Orte zuvor. Die Häuser standen dicht beieinander, das Gestein unter den Straßen der Bergarbeiterstadt schien älter und unbeweglicher. Finn war früh wach gewesen. Noch bevor die Stadt so richtig lebendig wurde, hatte er seine Pokémon hinaus auf eine kleine Wiese geführt. Der Boden war uneben, durchzogen von flachen Steinen und trockenen Grasbüscheln. Panflam bewegte sich schnell von Stein zu Stein. Wenn es fiel, richtete es sich wieder auf und machte weiter. Finn sagte wenig. Er beobachtete. Korrigierte nicht, griff nicht ein. Nur einmal hob er die Hand, ein kaum merkliches Zeichen. Doch Panflam hielt inne, atmete und wartete. Finn spürte diesen Druck, der sich seit dem Vortag aufgebaut hatte. Die Arena, der erste Orden, war da. Es wirkte greifbar. Das Ziel klar umrissen und doch fühlte sich alles noch unfertig an. Auch seine anderen Pokémon trainierten fleißig auf der Wiese.
 

„Nochmal, den Steigerungshieb“, murmelte er. Panflam setzte erneut an und durchbrach einen der kleinen Steine, die auf der Wiese herumlagen. Finn merkte nicht, dass sie beobachtet wurden. Ein Mann stand am Rand der Wiese, die Arme verschränkt, der Blick ruhig. Er sagte nichts, machte keine Anstalten sich zu nähern. Er sah nur zu wie Panflam, Knospi und Sheinux mit Finn trainierten. Nach einer Weile drehte er sich um und ging. Die Arena von Erzelingen war kantig, aus hellem Stein gebaut, als wäre sie aus dem Boden selbst heraus gewachsen. Drinnen war es kühl. Die Kampffläche wirkte kleiner und enger, als Finn es erwartet hatte. Veit stand bereits da, reglos, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
 

„Du bist früh dran“, sprach Veit Finn an. Er nickte.

Veit musterte ihn kurz. Sein Blick bleib einen Moment lang an Finn hängen, dann schaute er Panflam an.

„Feuer-Pokémon kämpfen hier nicht gerne. Der Boden gibt nicht nach“, sagte er sachlich.

„Dann müssen sie lernen sich anzupassen“, antwortete Finn schneller, als er gedacht hatte.

Veit hob eine Augenbraue an. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Das werden wir sehen“, sagte er.

Der Kampf begann ohne große Ankündigung. Veits erstes Pokémon, ein Kleinstein, bewegte sich schwerfällig, aber sicher. Jeder Schritt wirkte genau durchdacht. Panflam dagegen war schnell, sprang aus der Reichweite, setzte nach und zog sich dann wieder zurück. Finn rief Anweisungen, kurz, knapp, keine langen Kommandos, keine Erklärungen. Der Kampf wurde immer lauter. Stein krachte auf Stein, Feuer zischte, Funken sprühten. Finn spürte wie er immer selbstbewusster wurde. Seine Stimme wurde klarer und kräftiger. Panflam reagierte sofort, manchmal sogar schneller, als Finn sprechen konnte. Es war effektiv, aber auch roh. Nachdem Kleinstein besiegt war wechselte Veit sein Pokémon. Er brachte Onix. Auch Finn gewährte Panflam eine kurze Verschnaufpause und wechselte Sheinux ein. Die Bewegungen blieben kontrolliert, fast stoisch. Keine überhasteten Sachen. Finn merkte, wie sein Puls immer schneller wurde. Er dachte in dem Moment nicht an Lucia, auch wenn diese natürlich dabei war und ihm die Daumen drückte. Er dachte auch nicht an Wettbewerbe oder Ruhe. Er dachte nur an den nächsten Schritt. Der entscheidende Moment kam abrupt. Nachdem Sheinux nach einem aufopferungsvollen und langem Schlagabtausch mit Onix kampfunfähig war, kam Panflam zurück auf das Kampffeld. Finn setzte alles auf Karte, ein riskantes Manöver, das Finn am Morgen mit Panflam geübt hatte. Für einen Sekundenbruchteil schien alles stillzustehen. Dann fiel Veits Pokémon. Stille in der Arena.
 

Der Kampfrichter erklärte den Sieg. Finn hörte die Worte, aber sie erreichten ihn nur verzögert. Panflam atmete schwer, grinste erschöpft. Finn ballte die Faust. Er hatte gewonnen. Veit trat näher. Sein Blick war ruhig nicht enttäuscht, nicht beeindruckt – eher prüfend. Er überreichte Finn den Kohleorden.
 

„Du hast gut reagiert, aber du hast gewirkt, als müsstest du kämpfen“, sagte Veit.

„Ist das nicht der Sinn“, antwortete Finn.

Veit schüttelte den langsam den Kopf.

„Manche Kämpfe gewinnt man in dem man drückt. Andere in dem man zuhört“, sagte er.

Finn nickte, unsicher, was er darauf antworten sollte.
 

Als sie die Arena verließen kam Lucia auf sie zu. Sie umarmte Finn und gratulierte ihm zu seinem Sieg. Folglich gingen sie ein Stück weit nebeneinander her. Erst als sie fast wieder an der Wiese vom Morgen angekommen waren blieb Finn stehen.

„Veit war heute Morgen hier. Er hat uns gesehen“, sagte er plötzlich.

Lucia sah ihn überrascht an.

„Er hat nichts gesagt, aber ich glaube, er wusste schon, wie ich kämpfen würde“, sagte Finn.

Lucia nickte langsam.

„Die meisten guten Trainer wissen das, bevor der Kampf beginnt“, sagte sie.

Finn begutachtete seinen Kohleorden. Er fühlte sich kühl und schwer an.

„Ich habe nicht einmal an Knospi gedacht. Nicht einmal kurz“, sagte er leise.

Lucia stand einfach da. Regungslos.

„Vielleicht hätte ich das aber tun sollten“, fuhr Finn fort.

Jetzt schüttelte Lucia den Kopf.

„Oder vielleicht genau nicht. Oder besser gesagt eben noch nicht“, sagte sie.
 

Beide gingen weiter. Die Stadt lag ruhig vor ihnen und der Tag hatte gerade erst begonnen. Finn steckte seinen Kohleorden ein. Er wusste nicht, dass er ihn sich verdient hatte. Aber er wusste eines: Das war kein Ziel gewesen. Nur ein kleiner erster Schritt auf einer langen Reise. Und irgendwo hinter ihnen, am Rand der Wiese waren noch immer die Abdrücke von Panflams Füßen im Boden zu sehen.

Kein Ziel für heute

Finn und Lucia gingen ohne Eile durch die blütenreiche Landschaft zwischen Erzelingen und Flori. Der Weg schlängelte sich durch weite Wiesen, auf denen unzählige Blumen im Wind schwankten. Gelbe, weiße und violette Farbtupfer zogen sich bis zum Horizont. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte die Landschaft in warmes Licht. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich alles leicht an. Kein bevorstehender Arenakampf. Keine Prüfung. Keine Erwartungen. Einfach nur die Straße vor ihnen. Finn hatte irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Schritte sie bereits zurückgelegt hatten. Er wusste nicht einmal genau, wie lange sie schon unterwegs waren und ausnahmsweise störte ihn das nicht.
 

„Wir könnten heute einfach mal gar nichts planen“, sagte Lucia plötzlich. Finn blickte kurz zu ihr hinüber.

„Gar nichts“, fragte er.

„Gar nichts“, antwortete sie sarkastisch.

„Kein Training“, fragte Finn.

„Nein“, antwortete Lucia.

„Keine Route“, fragte Finn.

„Nein“, antwortete Lucia erneut.

„Keine Wettbewerbe“, fragte Finn und dachte damit würde er sie ganz sicher bekommen.

„Ganz sicher nicht“, antwortete Lucia und lachte herzhaft.
 

Finn dachte einen Moment darüber nach. Dann nickte er.

„Klingt gut“, sagte er. Lucia lächelte zufrieden.

„Wusste ich doch“, sagte sie.
 

Panflam sprang derweil voraus und versuchte erfolglos, einen Schmetterling zu fangen. Sheinux trottete hinter ihm her und beobachtete das Ganze mit sichtbarer Skepsis. Knospi blieb wie immer dicht bei Finn. Es sprach kaum. Es bewegte sich wenig und trotzdem hatte Finn längst das Gefühl, dass es immer aufmerksam war. Der Weg führte sie schließlich zu einem kleinen See. Er war unscheinbar. Kein besonderer Ort auf einer Karte. Kein Ziel für Reisende. Einfach ein ruhiges Gewässer zwischen Wiesen und vereinzelten Bäumen. Das Wasser lag vollkommen still da. Die Oberfläche spiegelte den Himmel so klar wider, dass es aussah, als würde ein zweiter Himmel direkt unter ihnen liegen.
 

„Hier gefällt es mir“, sagte Lucia. Finn nickte.

„Mir auch“, erwiderte er. Sie setzten sich ans Ufer.
 

Für einige Minuten sagte keiner etwas und genau deshalb war es angenehm. Schließlich griff Finn in seinen Rucksack.

„Was machst du“, fragte Lucia.

„Keine Ahnung“, antwortete Finn. Er zog eine Angel hervor. Lucia musste lachen.

„Das ist keine Antwort“, sagte Lucia.

„Doch“, sagte Finn und grinste leicht.

„Die Angel habe ich in Jubelstadt bekommen. Irgendwann muss ich sie ja benutzen“, fuhr er fort.
 

Er befestigte den Köder und warf die Leine ins Wasser. Ein leises Platschen. Dann Stille. Panflam beobachtete den Schwimmer interessiert. Sheinux hingegen hatte bereits das Interesse verloren und rollte sich im Gras zusammen.
 

„Und jetzt“, fragte Lucia.

„Jetzt wartet man“, sagte Finn.

„Das klingt langweilig“, antwortete sie.

„Ist es wahrscheinlich auch“, erwiderte er.
 

Keine Minute später zuckte die Angelschnur. Finn blinzelte überrascht.

„Moment mal“, sagte er. Ein zweiter Ruck. Dann zog er die Leine ein.
 

Ein rotes Pokémon flog durch die Luft und landete zappelnd im Gras. Ein Karpador. Panflam sprang erschrocken zurück. Das Karpador schlug hektisch mit den Flossen um sich. Mehr passierte nicht. Finn starrte es an. Das Karpador starrte zurück.
 

„Das ist alles“, fragte sich Finn. Lucia kniete sich neben das Pokémon. Langsam beruhigte sich sein Gezappel.

„Ich mag es“, sagte sie schließlich. Finn sah sie skeptisch an.

„Warum“, fragte er. Lucia lächelte leicht.

„Keine Ahnung“, sagte Lucia. Sie strich vorsichtig über den Kopf des Pokémon.

„Es gibt sich Mühe“, fuhr sie fort.

„Wobei“, fragte Finn verdutzt.

„Zu existieren“, antwortete Lucia. Finn musste lachen.

„Das ist die netteste Beschreibung für ein Karpador, die ich je gehört habe“, sagte er.
 

Er betrachtete das kleine Pokémon noch einen Moment. Die meisten Trainer hätten wahrscheinlich nicht einmal darüber nachgedacht. Karpador war schwach, aber irgendwie störte Finn das nicht. Vielleicht lag es daran, dass Panflam auch einmal klein gewesen war. Oder daran, dass Knospi kaum stärker wirkte. Vielleicht lag es einfach daran, dass nicht alles sofort stark sein musste. Finn nahm einen Pokéball hervor.
 

„Na gut“, sagte er. Der Ball traf Karpador leicht. Ein kurzer Lichtblitz. Einmaliges Wackeln. Dann blieb der Ball ruhig liegen.

„Keiner erwartet etwas von ihm“, sagte Finn. Lucia nickte.

„Manchmal ist das ein Vorteil“, sagte sie. Finn steckte den Pokéball ein. Damals ahnte er noch nicht, wie sehr dieser Satz eines Tages stimmen würde.
 

Später errichteten sie am Rand des Sees ein kleines Lager. Nichts Besonderes. Ein paar Steine. Ein kleines Feuer. Die Sonne begann langsam unterzugehen. Orangefarbenes Licht spiegelte sich auf dem Wasser. Panflam döste neben den Flammen. Knospi lag reglos im Gras. Sheinux jagte jedem vorbeifliegenden Käfer hinterher. Finn ließ Karpador kurz aus seinem Pokéball. Das Wasser-Pokémon landete im flachen Uferbereich und planschte zufrieden vor sich hin. Es wirkte erstaunlich glücklich.
 

„Vielleicht hat es einfach niedrige Ansprüche“, sagte Finn.

„Vielleicht hat es die richtigen“, verbesserte Lucia ihn.
 

Finn wollte gerade antworten, als plötzlich schnelle Schritte näher kamen. Sehr schnelle Schritte.
 

„Wow! Sorry“, ertönte es plötzlich. Ein Junge kam praktisch aus dem Nichts über den Weg geschossen und bremste erst im letzten Moment ab. Finn musste einen Schritt zur Seite machen, um nicht umgerannt zu werden.

„Habe euch gar nicht gesehen“, sagte der Junge. Er grinste breit. Zerzaustes Haar. Staubige Schuhe. Viel zu viel Energie. Er wirkte, als wäre er ständig in Bewegung. Sein Blick fiel sofort auf Finn.
 

„Du bist ein Trainer, oder“, fragte er Finn.

„Äh... ja“, antwortete Finn leicht stotternd.

„Cool“, antwortete der Junge. Er grinste noch breiter.

„Ich bin Jaro“, stellte er sich vor. Lucia musterte ihn neugierig.

„Und wohin gehst du“, fragte sie ihn.

„Keine Ahnung“, sagte er. Die Antwort kam sofort.

„Irgendwohin“, fuhr er fort.

„Das ist keine Richtung“, betonte Finn.

„Reicht aber“, sagte Jaro.
 

Neben ihm erschien plötzlich ein Plinfa. Das Wasser-Pokémon stolzierte selbstbewusst über den Weg, als würde ihm die gesamte Region gehören. Panflam näherte sich neugierig. Plinfa warf ihm einen kurzen Blick zu. Dann drehte es demonstrativ den Kopf weg. Panflam wirkte persönlich beleidigt. Finn musste lachen. Jaro bemerkte die Pokébälle an seinem Gürtel. Dann betrachtete er Finn länger.
 

„Du bist langsam“, sagte Jaro. Finn blinzelte.

„Wie bitte“, fragte Finn perplex.

„Du läufst langsam. Nichts schlechtes“, sagte Jaro und zuckte mit den Schultern.

„Klang aber gerade so“, antwortete Finn.

„War nicht so gemeint“, entschuldigte sich Jaro. Er grinste.

„Ich könnte das nur nicht“, fuhr er fort. Finn dachte kurz darüber nach. Dann nickte er.

„Wahrscheinlich nicht“, antwortete Finn. Jaro lachte. Zum ersten Mal wirkte es so, als hätte er jemanden getroffen, der ihm gefiel. Dann machte er bereits wieder einen Schritt rückwärts.
 

„Vielleicht sehen wir uns wieder“, sagte Jaro.

„Vielleicht“, erwiderte Finn.

„Bestimmt sogar“, sagte Jaro überzeugt. Und genauso schnell, wie er gekommen war, verschwand er wieder. Zurück auf dem Weg. Immer weiter nach vorne. Lucia sah ihm nach.
 

„Er wirkt rastlos“, sagte Lucia. Finn beobachtete den immer kleiner werdenden Punkt in der Ferne.

„Er weiß nicht, wohin er geht“, sagte er.Lucia schüttelte den Kopf.

„Doch, nur nicht warum“, antwortete Lucia und lächelte leicht. Diesmal mussten beide lachen. Während über ihnen langsam die ersten Sterne erschienen und irgendwo auf den Straßen Sinnohs zwei zukünftige Rivalen zum ersten Mal ihre Wege gekreuzt hatten.

Flori im Blütenlicht

Flori wirkte, als hätte jemand vergessen, die Farben wieder einzupacken. Blüten wohin man schaute. An Laternen, an Balkonen, ja sogar an Dächern. Eine farbenfrohe Stadt. Lucia blieb stehen, noch bevor sie das Pokémon Center erreichten. Finn beobachtete sie. Wie sie gerader stand, wacher wirkte. Chelast trat einen Schritt hervor, als hätte es den Ort erkannt. Der Wettbewerb war überall spürbar. Trainer mit sorgfältig gekämmten Pokémon, Glitzer, Aufregung. Lucia sprach wenig, sie wirkte hochkonzentriert. Im Pokémon Center trafen sie eine alte Bekannte wieder – Mireya.
 

„Du bist auch hier“, sagte Lucia überrascht.

„Ja, aber ich nehme nicht teil“, sagte Mireya lächelnd.

Finn runzelte die Stirn. „Warum nicht“, fragte er sie.

„Nicht jeder Wettbewerb muss meiner sein. Manchmal ist zuschauen und sich Pausen geben wichtiger“, sagte sie.

Lucia schwieg im ersten Moment. Dann nickte sie vorsichtig.
 

Der Wettbewerb selbst verging für Finn wie ein farbiger Traum. Lucias Pachirisu wirbelte über die Bühne, Stromfunken wie tanzende Glühwürmchen erfüllten die gesamte Halle. Chelast folgte, ruhiger, aber kraftvoll. Blätter ordneten sich zu Mustern, Bewegungen wirkten wie einstudierte Choreographien. Es sollte Lucias beste Leistung sein, die sie jemals erbracht hatte und sie wurde belohnt. In Flori gewann die junge Koordinatorin ihr ersten von fünf notwendigen Bändern, um sich für das große Festival zu qualifizieren. Im Moment der Verkündung wirkte es, als würde ein großer Ballast von ihren Schultern fallen. „Ich habe es geschafft“, murmelte sie leise und für niemanden hörbar.
 

Kein lauter Jubel, kein Schrei. Nur ein Moment, in dem sie das Band in ihren Händen hielt und es nicht sofort realisierte. Finn klatschte im Publikum. Er freut sich mit ihr. Mireya nickte Lucia aus dem Publikum zu. Später, als der Applaus verklungen war, saß Lucia mit Finn auf den Stufen vor dem Pokémon Center. Lucia drehte das Band zwischen ihren Fingern. Immer und immer wieder. Sie wirkte abwesend.
 

„Ich dachte das fühlt sich anders an“, sagte Lucia dann plötzlich.

„Wie denn“, antwortete Finn.

„Voller“, sagte Lucia nach einer kurzen Gedankenpause.

Finn dachte einen Moment lang nach. Dann antwortete er: „Vielleicht ist das nur der Anfang“.

Lucia sah ihn an und begann zu lächeln. Und wieder wurde es ruhig.
 

Abends, nach dem auch der letzte Zuschauer die Wettbewerbshalle verlassen hatte und heimgegangen war, waren sie wieder ins Pokémon Center. Der Flur war fast leer. Das grelle Licht wirkte abends immer ein wenig heller als sonst. Lucia saß auf ihrem Bett, das Band lag neben ihr. Nicht ordentlich drapiert, nicht stolz präsentiert, einfach nur da auf dem Bett. Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen, die Knie angezogen und darum ihre Arme geschlungen. Finn betrat das Zimmer.
 

„Du warst heute unglaublich“ sagte er leise von der Tür aus.

Lucia reagierte nicht sofort. Erst nach ein paar Sekunden hob sie ihren Kopf.

„War ich das wirklich“, fragte sie ihn sichtlich zweifelnd. Finn trat ins Zimmer, setzte sich auf den Stuhl gegenüber. Sagte nichts. Er hatte von Lucia gelernt, dass Schweigen manchmal besser ist, als jedes auch noch so gut gemeinte Lob.

„Alle haben geklatscht. Alle haben gelächelt. Manche haben meinen Namen gerufen. Und trotzdem fühlt es sich leer an, als würde etwas fehlen“, sagte Lucia leise.

„Was denn“, fragte Finn und schaute dabei auf das Band auf dem Bett.

„Ich weiß es nicht“, sagte Lucia und rieb sich dabei über die Stirn.

„Vielleicht habe ihr mehr für die Bühne gemacht, als für meine eigenen Pokémon“, fuhr sie fort.
 

Pachirisu lag zusammengerollte auf dem Kopfkissen neben ihr im Bett. Es öffnete seine Augen. Chelast schaute aus dem Fenster und wirkte so als würde es still zuhören.
 

„Du hast ihnen zugehört. Das habe ich gesehen“, sagte Finn beruhigend.

„Ich habe funktioniert“, antwortete Lucia kopfschüttelnd. Finn dachte an seine eigenen Kämpfe. An Siege die sich hohl und leer angefühlt haben. An Momente an denen Panflam gebrannt hatte und er selbst sich allerdings leer gefühlt hatte.

„Applaus mag laut sein, aber er bleibt nicht“, sagte Finn.

„Und was bleibt dann“, fragte Lucia ihn. Finn zögerte mit einer Antwort. Dann stand er auf, nahm seinen Rucksack und holte einen Pokéball hervor. Karpadors Pokéball.

„Das hier“, sagte er und setzte sich wieder.

„Er hat heute den ganzen Tag nichts getan. Kein Training, kein Fortschritt. Er war einfach da“, sagte Finn. Lucia runzelte die Stirn.

„Und trotzdem ist er mir wichtig. Nicht weil er stark ist, sondern weil ich weiß, dass er stark werden könnte“, sagte Finn.

Lucia atmete tief ein und wieder aus. Ihre Schultern senkten sich ein wenig.

„Du glaubst ich erwarte zu viel von mir“, sagte sie leise.

„Ich glaube, du bist strenger mit dir selbst, als mit allen anderen“, sagte Finn. Sie lachte kurz, dann wurde es wieder still im Raum.

„Mireya sagte heute, sie macht Pausen. Ich habe das immer für eine Schwäche gehalten“, sagte Lucia.

„Und jetzt“, antwortete Finn.

„Jetzt ist es klug“, sagte Lucia.
 

Finn streckte vorsichtig seine Hand aus, zögerte dann wieder und berührte schließlich doch ihre Finger. Sie zog ihre Hand nicht zurück.
 

„Du musst nicht immer glänzen. Manchmal reicht es echt zu sein“, sagte er und schaute Lucia in die Augen.

Lucia drehte ihre Hand leicht, sodass sich ihre Finger verschränkten. Sie hielt Finns Hand ganz fest.

„Du bist erstaunlich gut darin“, sagte sie.

„Worin“, fragte Finn während er nach wie vor ihre Hand hielt.

„Zu verstehen, ohne erklären zu wollen“, sagte Lucia.

Finn lächelte verlegen. „Ich habe eine gute Lehrerin“, sagte er.
 

Lucia lachte leise. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Nicht plötzlich oder dramatisch. Einfach so, als wäre es das normalste auf der Welt. Draußen flackerte das Licht von Flori. Drinnen war es still. Und zum ersten Mal seit dem Wettbewerb fühlte sich das erste Band für Lucia nicht mehr schwer an.

Fremde Gespräche

Die Nacht hatte Flori beruhigt. Die Farben waren geblieben. Finn konnte nicht schlafen. Panflam saß auf dem Fensterbrett und beobachtete die Straße. Die kleine Flamme an seinem Schweif brannte ruhig und gleichmäßig. Finn hatte gelernt, das zu deuten. Kein Übermut, keine Ungeduld, nur Wachsamkeit.
 

„Kannst du auch nicht schlafen“, murmelte Finn seinem Pokémon zu.
 

Panflam drehte sich um und nickte Finn zu. Beide schlichen gemeinsam aus dem Pokémon Center. Nicht aus Abenteuerlust, eher aus diesem merkwürdigen Gefühl, dass etwas in der Luft liegt. Lucia bekam von allem nichts mit. Sie schlief und Finn hatte gezögert sie zu wecken. Draußen war es kalt. Finn und Panflam gingen in Richtung Stadtrand, wo die prächtigen Blumen in wilde Wiesen übergingen. Panflam schnupperte die Luft. Dann hörten sie Stimmen. Fremde Stimmen. Finn duckte sich instinktiv hinter eine kleine Mauer. Zwei Gestalten in grauen Uniformen standen auf einer Lichtung. Geräte lagen vor ihnen. Metall, Kabel, blinkende Anzeigen.
 

„Die Werte sind inkonsistent“, sagte einer der beiden.

„Macht nichts. Es geht nicht um dieses Pokémon. Es geht um das Prinzip“, sagte der andere.

Finn verstand nicht alles, aber genug.

„Emotionen verstärken die Reaktion. Bindung ist ein Faktor“, fuhr die Stimme fort.
 

Panflam knurrte leise. Finn spürte wie sich etwas in ihm zusammenzog. Er wollte aufspringen, eingreifen, sie zur Rede stellen. Eben irgendetwas tun, von dem er glaubte, dass es richtig wäre. In diesem Moment begann Panflam an zu glühen. Nicht hell oder explosiv. Sondern tief aus seinem Inneren. Die Flamme an seinem Schweif wurde größer. Finn wich einen Schritt zurück. Das Licht hüllte Panflam nun komplett ein, seine Gestalt veränderte sich, streckte sich, wurde klarer. Die Augen wirkten fokussierter. Als das Leuchten verging stand Panpyro vor ihm. Nicht triumphierend, sondern still.
 

„Du bist gewachsen“, sagte Finn während es ihm beinahe die Sprache verschlug.

Panpyro nickte ihm wie selbstverständlich zu. Die Stimmung auf der Lichtung verstummten und die Schritte entfernten sich. Die beiden Männer waren verschwunden, als wären sie nie da gewesen. Finn atmete laut aus.

Später zurück im Zimmer, saß Lucia aufrecht im Bett. Finn trat zur Tür rein.
 

„Wo wart ihr“, fragte Lucia.

Finn erzählte. Nicht alles, aber genug. Lucia hörte zu, die Stirn gerunzelt, als könne sie nicht glauben was Finn berichtete. Panpyro saß zwischen ihnen, ruhig aber präsent.

„Das war keine normale Entwicklung“, sagte sie letztlich.

„Nein, aber sie war richtig“, stimmte Finn ihr zu.

„Manchmal wachsen Pokémon, weil sie müssen. Nicht, weil sie wollen“, sagte Lucia.
 

Nach dem Frühstück begannen beide ihre Reise fortzusetzen, doch Finn dachte immer wieder zurück an die Worte der beiden Fremden. Verstärkt wurden seine Gedanken, als die beiden die Wiese erreichten, welche er letzte Nacht bereits aufgesucht hatte. Sie machten dort eine kurze Pause. Finn setzte sich hin. Die Knie angezogen und die Hände im Gras vergraben. Panpyro trainierte ein paar Schritte entfernt mit Knospi und Sheinux. Bewegungen, Wiederholung, Fortschritt. Karpador lag unterdessen neben Finn. Nicht im Pokéball, nicht bei den anderen, die kleinen Flossen bewegten sich träge, beinahe entschuldigend.
 

„Du weißt, dass ich dich nicht dränge“, sprach er seinem Pokémon leise zu.

Karpador antwortete nicht. Finn hatte alles versucht. Training, Geduld, Zuspruch. Aber nichts hatte sich verändert. Kein neues Gefühl, kein Funke der übersprang. Panpyro warf den beiden einen kurzen Blick zu. Dann setze sich Lucia neben Finn und Karpador. Sie hatte alles beobachtet.
 

„Manchmal ist warten die schwerste Entscheidung“, sagte sie.

„Es fühlt sich nicht wie eine Entscheidung an“, erwiderte Finn.

„Eher wie Stillstand“, sagte Lucia. Lucia legte ihre Hand auf Finns.

„Nicht jedes Pokémon wächst nach außen. Manche sammeln sich erst im Inneren“, sagte sie.

„Und was wenn nichts mehr kommt“, sagte er beinahe verzweifelt.

„Dann war es trotzdem nicht umsonst“, antwortete Lucia.
 

Ein Windstoß fuhr über die Wiese. Für einen Moment dachte Finn wieder fremde Stimmen zu hören.
 

„Komm, wir gehen weiter“, sagte er zu Lucia. Flori lag hinter beiden. Vor ihnen lag die Straße und irgendwo da draußen wartete etwas, das sie noch nicht benennen konnten. Aber sie gingen trotzdem gemeinsam weiter.

Wind, der nicht weht

Schon von Weitem wirkte irgendwas am Windkraftwerk nahe Flori nicht in Ordnung. Die riesigen Rotoren ragten in den Himmel von Sinnoh wie erstarrte Arme. Keinerlei Bewegung trotz des harschen Windes, der über die weite Ebene wehte. Gras und Staub tanzten im Wind, die Wolken zogen schneller als sonst, nur das Kraftwerk blieb still. Finn blieb beim Anblick des Windkraftwerkes stehen.
 

„Sollte sich das nicht drehen bei dem Wind“, fragte er Lucia.

„Normalerweise schon“, sagte sie und verschränkte die Arme.
 

Je näher sie dem gewaltigen Bauwerk kamen, desto deutlicher wurde die Stille. Keine Maschinen, kein Brummen. Nur der Wind selbst, der sich seinen Weg rund um das Gebäude suchte. Sheinux blieb abrupt stehen. Sein Fell stellte sich auf, kleine Funken sprangen über. Panpyro trat einen Schritt vor Finn, als wollte er ihn beschützen.
 

„Da ist etwas“, murmelte Lucia. Sie hörten Stimmen noch bevor sie das Tor sahen.

„Die Abschirmung hält nicht dauerhaft“, ertönte eine männliche Stimme.

„Sie muss. Wir brauchen die Energie“, antwortete ein anderer Mann.
 

Finn erkannte die beiden Stimmen wieder, es waren die Stimmen, die er in der Nacht von Panpyros Entwicklung schon einmal gehört hatte. Er wagte einen vorsichtigen Blick. Graue Uniformen, das gleiche Symbol wie in Flori. Es war Team Galaktik. Finn spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Das hier war keineswegs Zufall.
 

„Wir können nicht einfach weitergehen“, flüsterte er Lucia zu. Lucia sah ihn an. Ihre Augen waren betont ruhig, aber dennoch ernst.

„Wir müssen erfahren, was sie tun wollen. Aber unauffällig“, sagte sie.

Unauffällig hielt genau so lange, bis der Rüpel Sheinux bemerkte.

„Hey“, rief er beiden zu. Alles ging schnell. Ein Pokéball flog und ein Zubat erschien kreischend. Panpyro reagierte ohne Aufforderung. Ein Flammenwirbel schoss durch die Luft und landete einen direkten Treffer.
 

„Was macht ihr hier“, rief Finn den beiden Rüpeln zu.

„Das geht nicht an“, knurrte der Galaktik Rüpel zurück.

„Dies ist eine offizielle Operation“, sagte der zweite Rüpel neben ihm.

Lucia trat neben Finn. „Dann erklärt sie“, rief sie beiden zu.
 

Doch statt einer Erklärung zogen es die Rüpel vor weiter ihre Pokémon kämpfen zu lassen. Lärm machte sich breit. Funken, Flammen, Rufe. Knospi setzte Giftstachel ein, Sheinux blendete mit seiner Elektrizität. Panpyro stand als Anführer im Zentrum. Als der letzte Rüpel floh blieb Stille zurück. Finn atmete schwer.
 

„Das war keine Trainingssituation mehr“, sagte er. Lucia nickte zustimmend. Sie betraten das Innere des Kraftwerks. Kabel lagen offen, die Maschinen waren manipuliert. Anzeigen auf den Bildschirm flackerten unregelmäßig und ohne erkennbares Muster.
 

„Sie zapfen die Energie ab“, sagte Lucia.

„Aber nicht für diese Stadt“, schloss sich Finn direkt an. Er dachte an das belauschte Gespräch der Nacht zurück.

„Sie testen irgendetwas“, sagte er. Ein lautes Geräusch erschreckte die beiden. Ein einzelner Team Galaktik Wissenschaftler stand am Ende der langen Halle, die Hände erhoben.

„Ihr versteht das nicht. Wir suchen Ordnung“, sagte er.

„Auf Kosten von allem anderen“, fragte Finn den Wissenschaftler direkt und offen. Der Mann lächelte spitz.

„Chaos ist menschlich, Ordnung ist notwendig“, sagte er. Bevor Finn antworten konnte, betätigte der Mann einen Schalter. Die Lichter flackerten, der Alarm ertönte und plötzlich wurde es ganz ruhig. Wieder diese Stille.

Der Wissenschaftler war plötzlich verschwunden. Draußen setzte der Wind plötzlich wieder die Rotoren in Bewegung. Erst ganz langsam, dann immer schneller. Die Stadt würde wieder Strom haben. Aber Finn war klar, dass dies kein Sieg war. Lucia trat neben ihn und legte eine Hand auf seine Schulter.
 

„Jetzt wissen sie, dass wir existieren“, sagte sie nachdenklich.

„Und wir wissen, dass sie mehr wollen als nur Energie“, antwortete Finn.

Der Wind wehte weiter. Doch nichts fühlte sich so leicht an wie zuvor.

Wenn die Welt kurz innehält

Am nächsten Morgen war das Windkraftwerk wieder nur ein Gebäude. Die Rotoren drehten sich gleichmäßig, das Brummen lag wie ein tiefes, beruhigendes Geräusch über der Ebene bei Flori. Händler öffneten ihre Stände, Trainer zogen weiter ihrer Wege, als wäre nichts geschehen. Und doch war etwas anders in dieser Welt. In einem kleinen Pokémon Center kurz vorm Ewigwald lagen Zeitungen aus. Finn griff sich eine, mehr aus Gewohnheit, als aus Interesse. Die Schlagzeile war klein, nahezu unscheinbar. „Kurzzeitiger Stromausfall behoben – Ursache unklar“, las Finn die Schlagzeile laut vor. Er las den Artikel zwei Mal. Kein Wort über graue Uniformen, keine Geräte, keine Manipulationen. Lucia beobachtete las den Artikel ebenfalls, mit einer Kaffeetasse in der Hand.
 

„Sie schreiben es klein“, sagte sie.

„Sie schreiben es gar nicht“, antwortete Finn.

Am Nebentisch unterhielten sich zwei andere Trainer.

„Hab gehört da waren Saboteure“, sagte der eine.

„Ach was, bestimmt nur alte Leitungen“, sagte der andere.
 

Lediglich belanglose Gerüchte, dachte Finn. Nichts wirklich greifbares. Draußen war der Stromausfall des vergangenen Tages kein wirkliches Thema unter den Anwohnern. Als hätten alle beschlossen, den Moment des Stillstandes einfach zu vergessen, weil er nicht ins Bild passte. So als wäre er nie geschehen. Finn und Lucia verließen das Pokémon Center. Der Weg war ruhig. Sheinux hielt ein wenig Abstand, Panpyro ging wie immer voraus und Knospi trottete gleichmäßig neben Finn her. Karpador blieb wie gewohnt in seinem Pokéball. Und doch beschäftigte das Thema Stromausfall, Windkraftwerk und Team Galaktik die beiden noch eine ganze Weile weiter.
 

„Denkst du, sie kommen wieder“, fragte Lucia.

„Ich glaube sie waren nie weg“, antwortete Finn.

„Meine Mutter hat mir mal gesagt, dass große Veränderungen immer sehr leise anfangen. Nicht mit einem Knall, sondern mit wegsehen“, sagte Lucia. Finn blieb abrupt stehen.

„Und was macht man dann“, fragte er. Doch Lucia zuckte nur unwissend mit den Schultern.

Am Wegesrand stand ein älterer Mann der sein Staravia fütterte. Als sie vorbeigingen sah er sie lange an.

„Ihr wart doch da draußen“, sagte er plötzlich.

„Wo“, fragte Finn den alten Mann sichtlich überrascht.

„Beim Kraftwerk. Ich habe euch gesehen“, sagte der Mann. Lucia hielt den Atem an. Der Mann lächelte schwach.

„Keine Sorge. Ich habe nichts gesehen, was mich nichts angeht. Aber passt auf. Dinge, die Ordnung versprechen, mögen keine Fragen“, sagte er und streichelt sein Staravia. Dann wandte er sich ab und ging davon.
 

Lucia und Finn waren beide irritiert und gingen schnell weiter. Erst später, als die Sonne tiefer stand, setzte sich Finn ins Gras. Er ließ Karpador frei. Das Pokémon platschte auf den Boden, bewegte sich nur träge, aber näherte sich diesmal von alleine. Finn beobachtete ihn nachdenklich.

„Vielleicht musst du nicht wachsen, um wichtig zu sein“, sagte er leise. Das Pokémon blinzelte und schaute Finn an.

Lucia setzte sich neben die beiden. Sie sagte nichts, ihre Nähe reichte. In der Ferne zogen Wolken auf. Die Welt hatte weitergemacht. Aber sie hatte etwas zurückgelassen. Ein leises Echo, das Finn und Lucia nicht mehr überhören konnten. Und irgendwo, wussten die beiden, wurde bereits der nächste Schritt geplant. Allerdings nicht von Ihnen. Und genau das beschäftigte die beiden, ob sie wollten oder nicht.

Wo der Wald zuhört

Als nächstes Ziel lag der Ewigwald vor Finn und Lucia. Kein Schild, kein Übergang, Licht fiel gefiltert durch das Blätterdach der Baumkronen. Es war ein beeindruckender, großer Wald voll mit Bäumen, wilden Pokémon und mystischen Geschichten. Finn ging langsamer als sonst, ebenso Panpyro. Die Flamme an seinem Schweif brannte gedämpfter als sie es sonst tat.
 

„Hier fühlt sich alles irgendwie älter an“, murmelte Lucia. Der Wald antwortete nicht, aber die Bäume schienen ihr zuzuhören. Sie waren kaum eine Stunde unterwegs gewesen als Finn plötzlich stehen blieb. Panpyro hob den Kopf und schaute ihn an.

„Hört ihr das“, fragte Finn. Ein Geräusch. Leise und unregelmäßig, wie ein leises keuchen.

„Das kommt von da“, sagte Lucia und zeigte auf einen kleinen Busch.

Sie gingen beide darauf zu. Zwischen den Wurzeln und Blättern lag ein kleines Pokémon, zusammengerollt, die Augen halb geschlossen. Die Flammen an seinem Rücken flackerten viel zu schwach.

„Das ist ein Feurigel“, flüsterte Finn ihr zu. Lucia nickte ihm zu.

„Aber das gehört nicht hierher“, sagte sie fragend.

Das kleine Pokémon zitterte, als Lucia sich ihm näherte. Instinktiv zog es sich zusammen, die Flammen loderten kurz auf. Dann erloschen sie wieder. Das Feurigel wirkte sehr kraftlos.

„Ganz ruhig, ich will dir nichts tun“, sagte Lucia mit sanfter Stimme und begann das kleine Pokémon vorsichtig zu streicheln. Anschließend holte sie eine Beere aus ihrer Tasche und legte sie neben Feurigel. Das Pokémon reagierte nicht.

„Es ist verletzt“, sagte Lucia. Finn sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen.

„Wie kommt ein Pokémon aus der Johto Region hier in den Wald“, fragte er.

„Ich weiß es nicht, aber das spielt auch keine Rolle. Feurigel braucht unsere Hilfe“, sagte Lucia. Sie zog ihre Jacke aus und wickelte Feurigel vorsichtig damit ein.

„Du nimmst es mit“, sagte Finn. Es war keine Frage. Lucia lächelte kurz.

„Aber nur bis es wieder selbst laufen kann“, antwortete sie.

Sie trug Feurigel. Ein Stück weiter fanden sie eine Lichtung. Kaum hatten sie sich gesetzt, um eine kurze Pause einzulegen, knackte es im Unterholz. Sheinux empfindliche Ohren richteten sich auf. Doch die Person, die für das Knacken verantwortlich war, war kein Fremder.
 

„Du schon wieder“, sagte Finn.

Jaro trat aus dem Schatten. Die Hände in den Taschen, Plinfa auf seiner Schulter, beide selbstbewusst wie immer. Er grinste. Dann sah er Feurigel und das Grinsen entwich.

„Das gehört nicht hierher“, stellte er fest.

„Ich weiß“, sagte Lucia.

„Dann lass es zurück, die Natur regelt das“, sagte Jaro.

„Die Natur hat es verletzt zurückgelassen und jetzt kümmere ich mich darum“, sagte Lucia mit starker Stimme. Jaro antwortete nicht. Plinfa musterte Feurigel. Es schnuppert und gab einen leisen Laut von sich. Jaro sah Lucia daraufhin einen Moment lang an. Dann zuckte er mit den Schultern.

„Deine Entscheidung“, sagte er gleichgültig.
 

Finn bemerkte, dass Panpyro sich leicht vor Lucia gestellt hatte. Sie blieben nicht länger. Der Wald wirkte unruhig, als würde er die Anwesenheit des Fremden spüren. Kurz darauf blieb Lucia kurz stehen, Feurigel hatte die Augen geöffnet. Beide sahen sich tief und hoffnungsvoll in die Augen.

„Ich kann dir keinen perfekten Ort versprechen, aber einen sicheren. Du musst nicht mehr alleine sein“, sprach sie dem kleinen Pokémon zu. Sie nahm einen Pokéball aus ihrer Tasche und berührte sanft Feurigels Kopf. Der Ball klickte sofort und ohne Widerstand. Finn sah Lucia an und sagte nichts. Auch Jaro fehlten die Worte. Er ging, wortlos, ohne Verabschiedung, so schnell wie er gekommen war.
 

„Manchmal gehört man nicht dahin, wo man herkommt. Sondern dahin, wo man bleibt“, sagte sie. Und so gingen sie weiter durch den Wald und irgendwo zwischen den Bäumen glaubte Finn ein leises Knistern zu hören. Der Ewigwald veränderte sich, je tiefer sie gingen. Die Bäume standen näher beieinander, ihre Kronen verschlangen das Licht der Sonne fast vollständig. Der Boden war weich, federnd, durchzogen von Wurzeln, die sich wie Adern durch das Erdreich zogen. Geräusche wurden gedämpft, als würde sie vom Wald geschluckt, bevor sie sich wirklich entfalten konnten. Sheinux blieb immer wieder stehen. Seine Ohren zuckten, kleine elektrische Impulse liefen scheinbar unkontrolliert über sein Fell. Finn hatte dies bereits bemerkt, seit sie den inneren Bereich des Waldes erreicht hatten, aber nun wurde es immer stärker.
 

„Er ist nervös“, sagte Lucia leise.

„Oder überfordert“, antwortete Finn.
 

Sheinux schnaubte leise, schüttelte immer wieder seinen Kopf. Ein Funke sprang von seiner Mähne auf eine nahegelegene Wurzel und verglühte dort sofort. Der Wald reagierte nicht. Kein Rascheln, kein Aufflackern, nur Stille.

„Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen“, sagte Lucia. Finn wollte gerade zustimmen, als der Wald ihm bei der Antwort zuvorkam. Ein tiefes Grollen, fern aber doch klar. Das war kein Ruf eines Pokémons. Der Boden vibrierte leicht. Sheinux sprang sofort vor Finn. Die Elektrizität um seinen Körper wurde immer stärker.

„Ganz ruhig, ich bin doch da“, sagte Finn und ging in die Hocke. Er streichelte Sheinux über die Mähne. Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas. Ein wildes Pokémon – territorial, gereizt durch die fremden Energien im Wald. Es trat ins Halbdunkel, die Augen klar fokussiert. Lucia wich instinktiv einen Schritt zurück. Sheinux knurrte, auch Panpyro stellte sich nun schützend vor Lucia und Finn.

„Sheinux, warte“, rief Finn. Doch zu spät. Ein gewaltiger Stromstoß löste sich. Er traf den Boden vor dem wilden Pokémon, ließ die Erde aufwirbeln, aber stoppte es nicht. Im Gegenteil, das wilde Pokémon begann sich weiter der Gruppe zu nähern. Sheinux‘ Atmung wurde immer schneller. Seine Elektrizität flackerte immer unkontrollierter durch die Luft. Finn spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug. Nicht aus Angst vor dem was passieren könnte, sondern aus Angst das Sheinux die Kontrolle verlor.

„Du musst uns nicht alleine beschützen“, rief Finn laut.
 

Sheinux blickte zu seinem Trainer, dieses Mal hatte er ihn gehört. Das fremde Pokémon setze zum Angriff an. Sheinux sprang. Nicht nach vorne, sondern zwischen Finn und die Bedrohung. Der Strom entlud sich erneut, diesmal anders – gebündelt. Plötzlich umhüllte ein grelles Licht Sheinux. Finn blinzelte. Der Wald schien für einen kurzen Moment den Atem anzuhalten. Sheinux‘ Gestalt veränderte sich. Es streckte sich, die Muskeln spannten sich an, die Mähne wurde voller. Seine Augen wirkten plötzlich klar fokussiert. Als das Licht verging, stand Luxio vor Finn. Nicht triumphierend, sondern wachsam. Das fremde Pokémon wich zurück. Es musterte Luxio und zog sich anschließend in den Wald zurück. Finn sank auf die Knie.
 

„Du hast uns beschützt“, sagte er zu Luxio.

Das Pokémon wandte sich seinem Trainer zu. Die Elektrizität umhüllte seinen Körper weiterhin, aber anders – kontrollierter. Lucia trat an die beiden heran.

„Das war keine Reaktion, das war Verantwortung“, sagte sie und streichelte Luxios Mähne.

„Du musst das nicht immer tun, aber danke“, sagte Finn sichtbar gelöst.

Luxio stieß einen leisen Laut aus. Sie blieben noch eine Weile auf der Lichtung. Niemand sprach ein Wort. Der Wald wirkte wieder gelöster, fast befreit. Als sie weiteringen lief Luxio nicht mehr vor oder hinter Finn, sondern genau neben ihm. Lucia beobachtete sie eine Weile, dann lachte sie.

„Dein Team wächst“, sagte sie fröhlich. Finn nickte.

„Nicht nur im Kampf“, sagte er stolz.
 

Hinter ihnen schloss sich der Wald. Die Funken unter der Rinde waren geblieben, aber sie brannten jetzt mit Sinn.

Ewigenau, die Stadt ohne Eile

Feurigel schlief. Der kleine Körper hob und senkte sich gleichmäßig, eingehüllt in eine warme Decke, die Lucia aus ihrer Jacke improvisiert hatte. Die Flammen auf seinem Rücken brannte nicht. Das Lagerfeuer knackte leise. Finn saß mit dem Rücken an einem Baumstamm, die Beine angewinkelt. Lucia gegenüber, die Arme um die Knie geschlungen.
 

„Es gehört eigentlich nicht hierher“, sagte Lucia leise. Finn sah die beiden an und nickte.

„Nicht nach Sinnoh. Nicht in den Wald. Nicht in meine Reise“, ergänzte sie nachdenklich.

„Aber es ist da“, antwortete Finn nach einer kurzen Pause.
 

Er spielte mit einem angekokelten Stock im Lagerfeuer. Der Wald war ruhig. Nur das leise Rascheln der Blätter war zu hören. Feurigel hatte sie nicht gesucht, aber sie hatten es gefunden – verletzt, erschöpft, dehydriert. Kein Trainer, kein Zeichen flüchten zu wollen, nur ein Pokémon an einem Ort, an den es eigentlich nicht gehört.
 

„Ich wollte es eigentlich nur versorgen – heilen, freilassen, weitergehen“, sagte Lucia.

„So etwas ähnliches hast du auch gesagt, als wir Knospi gefunden haben“, sagte Finn. Lucia lächelte Finn an. Sie nickte mit dem Kopf. Ein paar Funken glühten kurz auf Feurigels Rücken, dann erloschen sie wieder. Keine Flamme, keine Gefahr, nur Wärme.

„Weißt du was komisch ist“, fragte Lucia.

„Dass du es behalten willst, obwohl du weißt, dass es eigentlich nicht passt“, antwortete Finn.

„Dass ich das Gefühl habe, dass es gerade deshalb passt“, sagte Lucia. Finn sah sie an. Er sah sie in diesem Moment nicht als Trainerin, auch nicht als Koordinatorin oder Begleiterin – er sah sie als Mensch.

„Manche Dinge gehören nicht an Orte. Sie gehören an Menschen“, sprach Finn ihr zu. Lucia blickte in Richtung Boden.

„Ich habe so lange versucht alles richtig zu machen. Routen, Wettbewerbe, Planung, Reisen und so vieles mehr habe ich bedacht. Nicht zu viel Gefühl zu geben, nicht zu viel Nähe oder Bindung. Und dann liegt da dieses kleine Wesen ganz alleine im Wald. Und alles in mir sagt, bleib bei ihm“, sagte Lucia. Finn sagte nichts. Er sah in den Sternenhimmel. Er setzte sich neben Lucia, dann legte er vorsichtig seine Hand auf ihren Oberschenkel.

„Du musst nichts entscheiden, aber wenn du es tust, dann höre auf dein Herz. Es wird dir den richtigen Weg zeigen“, sagte er.

Lucia atmete tief ein. Dann blickte sie wieder auf Feurigel.

„Willkommen im Team“, sagte sie leise.
 

Finn lächelte. Luxio neben ihm hob kurz den Kopf, als würde er das Feurigel prüfen. Der Wald reagierte nicht. So saßen sie noch lange am Lagerfeuer. Und irgendwo in dieser Nacht, zwischen alten Bäumen und fremden Wegen, hatte ein Pokémon das nicht hierhergehörte, genau das gefunden, was es gebraucht hatte. Einen Ort, an dem es bleiben durfte.
 

Am nächsten Morgen wurden die Bäume wurden lichter, der Boden fester und irgendwann führte der Waldweg einfach in Kopfsteinpflaster über. Keine Tore, keine Mauern, nur Häuser, die ruhig dort standen. Die Dächer schienen alle neu zu sein, viele Häuser aus hellem Stein gemauert. Fensterläden standen offen, Vorhänge bewegten sich im Wind. Ein älterer Mann goss die Blumen vor seiner Tür und grüßte Finn und Lucia freundlich, als würde er sie kennen. Knospi blieb immer wieder stehen und schnupperte an den Blumenkästen in der Nachbarschaft, ihm schien dies sichtlich zu gefallen. Lucia hielt Feurigels Pokéball in ihrer Hand.
 

„Ich glaube, das hier ist ein guter Ort um langsam anzukommen“, sagte sie leise und ließ Feurigel aus seinem Pokéball. Feurigel schien neugierig, schnupperte die Luft und blieb Lucia stets eng auf den Fersen. Gemeinsam fanden sie ein kleines Gästehaus am Rand der Stadt. Traditionelle Holzbalken, knarrende Stufen, eine Wirtin mit weicher Stimme.

„Trainer seid ihr? Dann bleibt doch gerne ein paar Tage hier und genießt die schöne Stadt“, sagte sie die beiden.
 

Finn musste lächeln, dann nickte er gemeinsam mit Lucia und sie entschlossen sich hier erst einmal niederzulassen. Später saßen sie gemeinsam auf einer niedrigen Steinmauer nahe eines großen Fahrradladens in der Stadt. Kinder spielten mit Lucias Pachirisu, was frech immer wieder Nüsse stahl. Ein alter Mann erzählte lautstarke Geschichten über Geheimgänge unter der Stadt, die angeblich bis zum Wald reichten. Finn und Lucia wussten nicht, ob sie ihm glauben sollten.
 

„Der Untergrund von Ewigenau soll angeblich riesig sein, aber ich kenne keinen der ihn wirklich schon einmal betreten hat“, flüsterte Lucia Finn leise zu.

„Der ist bestimmt voller legendärer Pokémon, Schätze und verlorener Trainer“, antwortete Finn, der die Geschichte für ein Ammenmärchen hielt. Beide lachten. Aber Finn bemerkte, dass Lucias Blick kurz an einer alten Steinplatte hängenblieb. Die Steinplatte war mehr überwuchert, als dass sie wirklich noch etwas zeigen würde.

„Oder glaubst du daran“, fragte Finn Lucia. Sie zuckte mit den Schultern.

„Ich glaube jeder Ort hat so seine Geschichten. Und manche Geschichten bleiben, weil sie irgendwo wahr sind“, antwortete sie.

Finn bemerkte, dass sich ihre Schultern berührten, doch keiner rückte weg. Beide schienen die Nähe sichtlich zu genießen.

„Weißt du, früher dachte ich, Reisen heißt, immer weiterzugehen“, sagte Finn.

„Und jetzt hat sich das geändert“, fragte Lucia ihn.

„Jetzt glaube ich, Reisen heißt auch, zu merken, wo man kurz stehen bleiben will“, sagte Finn. Lucia lächelte ihn an.

„Dann lass uns kurz hier bleiben“, sagte sie und legte ihre Hand vorsichtig auf sein Knie.
 

Am Abend ließen sie ihre Pokémon im kleinen Garten des Gästehauses frei. Luxio lag im Gras, aufmerksam, aber gelassen. Knospi döste im Schatten eines Apfelbaumes. Panpyro beobachtete den Sonnenuntergang. Selbst für Karpador gab es einen kleinen Teich in dem er schwimmen konnte. Auch Pachirisu, Feurigel und Chelast spielten auf der grünen Wiese. Lucia setzte sich neben Finn auf eine Holzbank.
 

„Ich habe lange gedacht, ich müsste immer besser werden. Schneller, strahlender, eben perfekter irgendwie. Aber vielleicht, reicht es manchmal einfach echt zu sein“, sagte sie und blickte dabei in Richtung Horizont.

Finn hörte ihr aufmerksam zu, dann neigte er seinen Kopf zu ihr und sah sie an.

„Für mich reicht das“, sagte er.
 

Lucia drehte ihren Kopf ebenfalls zu ihm. Ihre Knie berührten sich. Ihre Hände lagen nebeneinander auf der Bank. Diesmal war es Finn, der den Abstand ein kleines Stück verringerte. Lucia wurde leicht rot im Gesicht. Finn war sich nicht sicher, ob es nicht vielleicht auch an der untergehenden Sonne liegen könnte. Die Stadt wurde langsam leiser, Fenster schlossen sich und die Straßenlampen begannen zu leuchten. Und zum ersten Mal hatte Finn das Gefühl nicht woanders sein zu müssen.

Die Wurzeln der Stärke

Ewigenau war nach nachts noch leiser als am Tag. Kein Verkehr, kein Stimmengewirr. Nur das entfernte Zirpen von wilden Pokémon und das gelegentliche Knacken von Holz, wenn sich ein Haus in der Kühle der Nacht setzte. Finn konnte nicht schlafen. Er saß auf der kleinen Holzveranda des Gästehauses. Über ihm spannte sich ein klarer Himmel, übersät mit Sternen, die heller wirkten, als sonst auf ihrer Reise. Der Mond stand klar und in voller Pracht am Nachthimmel. Die Tür hinter ihm knarrte leise.
 

„Dachte ich mir doch“, sagte Lucia leise. Sie setzte sich neben Finn, ohne ihn vorher zu fragen. Eine Decke um die Schultern, die Haare offen und vom Wind leicht zerzaust. Beide schauten sie eine Weile in den Nachthimmel ohne etwas zu sagen. Es war nicht die Art von Stille, die unbedingt hätte gefüllt werden müssen.

„Morgen also“, murmelte Lucia schließlich. Finn nickte.
 

Die Arena von Ewigenau lag nur ein paar Straßen entfernt von beiden. Tagsüber hatte er so getan, als wäre es einfach nur der nächste Schritt auf dem Weg zur Pokémon Liga. Jetzt fühlte es sich weitaus größer und bedeutender an.

„Bist du nervös“, fragte Lucia.

„Ein bisschen, aber nicht nur wegen dem Kampf“, sagte er und sah ihr in die Augen.

„Es fühlt sich an, als würde etwas anfangen, das mehr ist als nur Training“, fuhr er fort.

„Verantwortung“, fragte Lucia leise.

„Vielleicht“, antwortete er.
 

Ein kalter Windstoß fuhr über die Veranda. Lucia rückte näher an Finn, ohne es zu kommentieren. Ihre Schulter berührte sein. Ihr Oberschenkel drückte sich an Finns.
 

„Du bist bereit. Nicht weil deine Pokémon stark sind, sondern weil du ihnen zuhörst“, sagte sie leise.

Finn spürte, wie sich etwas in seiner Brust lockerte, als würde die ganze Anspannung, welche ihn seit Tagen begleitete, langsam abfallen.

„Du auch, das weißt du“, sagte er.

„Für was“, fragte Lucia.

„Für alles was du noch vor dir hast“, sagt Finn. Lucia sah nach oben, zu den Sternen.

„Früher dachte ich, ich müsste jemand Besonderes werden. Mittlerweile habe ich erkannt, worauf es wirklich ankommt. Darauf sich selbst zu sein, darauf echt zu sein“, sagte sie.

„Du bist echt“, antwortete er.
 

Ihre Blicke trafen sich. Kein großes Innehalten, kein dramatischer Moment. Nur zwei Menschen, die merkten, dass sie sich längst näher waren, als sie es geplant hatten. Lucia lächerte zuerst. Ein kleines, warmes Lächeln.
 

„Danke, Finn“, sagte sie.

„Wofür“, fragte er.

„Dafür, dass du bleibst, dafür, dass du so bist wie du bist“, fuhr sie fort.
 

Er antwortete nicht mit Worten. Seine Hand lag zwischen ihnen auf den Stufen. Ihre auch. Die Fingerspitzen berührten sich erst zufällig, dann bewusst. Kein Zögern, kein Zurückziehen. Nur Wärme. Die Welt war klein in diesem Moment.

„Wir sollten schlafen gehen“, flüsterte Lucia irgendwann.
 

„Ja“, sagte Finn und blieb dennoch sitzen. Sie auch. Noch für einen kurzen Moment. Dann standen sie gleichzeitig auf, beinahe verlegen über das geteilte zögern. Sie gingen wieder rein. An der Tür drehte sich Lucia noch einmal um.

„Morgen gewinnst du“, sagte sie. Finn lächelte. Die Tür schloss sich leise hinter ihnen. Über Ewigenau zogen ein paar wenige Wolken auf, und wanderten über den Nachthimmel. Die Arena schlief und irgendwo zwischen Sternenlicht und Morgendämmerung wartete ein neuer Schritt. Nicht nur für einen Trainer.
 

Am nächsten morgen machten sich beide früh auf den Weg zur Arena. Die Arena von Ewigenau wirkte weniger wie ein Kampffeld und mehr wie ein großer Garten. Moos wuchs zwischen den Steinplatten, Sonnenlicht fiel durch das offene Dach aus Glas. Es roch nach Erde und Blättern. Lucia setzte sich auf eine kleine Tribüne neben dem Kampffeld. Die Hände lagen ruhig in ihrem Schoß, nur ihre gedrückten Daumen verrieten ihre Anspannung.
 

„Du schaffst das“, hatte sie ihm draußen vor der Tür mit auf den Weg gegeben. Jetzt sagte sie nichts mehr. Jetzt beobachtete sie nur noch. Silvana, die Arenaleiterin, stand bereits auf ihrer Seite des Kampffeldes. Ruhig und erfahren.

„Ein Kampf mit drei Pokémon. Zeig mir wie tief deine Wurzeln reichen“, rief sie Finn zu. Finn nickte. Kein großes Wort, sondern voller Fokus auf die Aufgabe.
 

Silvana eröffnete mit Kikugi, Finn wählte Panpyro. Kikugi setzte Egelsamen ein, Ranken schnellten hervor. Panpyro wich aus, nutzte seine Beweglichkeit und konterte mit Flammenrad. Lucia blinzelte. Finn kämpfte nicht wild, er tastete seinen Gegner ab. Kikugi wurde langsamer, gezwungen defensiv zu bleiben. Dann kam der Moment.
 

„Panpyro bring es zu Ende, Glut“, rief Finn seinem Pokémon zu. Ein sauber gesetzter Treffer, äußerst präzise. Kikugi ging zu Boden, unfähig weiter zu kämpfen. Lucias Finger schlossen sich immer fester ineinander. Silvana wechselte zu Chelast.

„Chelast, Strauchler jetzt“, rief Silvana. Blitzschnell verknoteten zwei Ranken Panpyros Beine und brachten es zu Fall. Aber Panpyro kämpfte sich wieder hoch, sein Kampfgeist ungebrochen. Es lieferte sich einen atemberaubenden Kampf mit Chelast. Es dauerte mehrere Minuten, in denen Lucia beinahe die Luft wegblieb. Am Ende gingen Panpyro und Chelast zeitgleich zu Boden. Beide Pokémon waren nicht in der Lage den Kampf fortzusetzen. Und somit hatte Finn zwei Pokémon der Arenaleiterin besiegt, aber er hatte auch selbst sein stärkstes Pokémon verloren.
 

Lucia merkte, dass sie lächelte. Nicht wegen des Kampfverlaufes, sondern wegen Finns Stimme. Klar, vertrauensvoll, kein Druck oder Befehlston. Er kämpfte mit seinen Pokémon gemeinsam Seite an Seite. Nun schickte Silvana ihr letztes und stärkstes Pokémon in den Kopf Roserade. Finn wählte Luxio. Seine Funken sprühten nur so aus den Elektrowangen. Doch Finn beruhigte sein Pokémon. Ein gewaltiger Donnerblitz zuckte dann über das Feld, doch Roserade wich diesem blitzschnell aus. Dann feuerte es eine heftige Matschbombe auf Luxio, welche einen kritischen Schaden hervorrief.
 

‚Roserade ist zu schnell für Luxio, ein direkter Treffer wird nie funktionieren, irgendwas muss ich anders machen‘, dachte sich Finn. Dann hatte er eine Idee. Auf dem Feld stand ein prächtiger Baum gefüllt mit großen Früchten.

„Luxio, beweg ich unter den Apfelbaum“, rief Finn seinem Pokémon zu. Silvana runzelte die Stirn, auch Lucia fragte sich was er vorhatte.

„Roserade davon lassen wir uns nicht beeindrucken, greif Luxio mit deiner Tackle Attacke an“, rief sie. Finn gab keine Anweisung, Luxio verharrte und so kam Roserade immer näher.

‚Was macht er da bloß‘, dachte sich Lucia auf der Tribüne. Kurz bevor Roserade Luxio erreichte gab Finn seinem Pokémon wieder ein Signal.

„Jetzt ausweichen mit Agilität und dann den stärksten Donnerblitz den du hast. Aber ziele dabei auf die Baumkrone“, rief Finn und so geschah es. Roserade konnte nicht mehr so schnell reagieren und wurde von dutzenden Äpfel unter sich begraben. Silvana war geschockt, ob des Manövers von Finn. Gezeichnet versuchte Roserade sich zu befreien.

„Bring es zu Ende mit Ladungsstoß“, rief Finn.
 

Ein greller Blitzer erleuchtete die gesamte Arena. Lucia rutschte das Herz in die Hose. Doch als das Licht langsam verging stand Luxio auf dem Kampffeld, schwer atmend, aber stolz. Roserade war besiegt und Finn hatte seinen zweiten Orden gewonnen.

Silvana trat hervor.

„Dein Manöver um Roserades Schnelligkeit zu umgehend war beeindruckend, das habe ich hier in meiner Arena noch nie zuvor gesehen. Ich überreiche dir hiermit den Waldorden, den Nachweis deines Sieges in der Arena von Ewigenau“, sagte sie.
 

Finn nahm den Orden und bedankte sich, nicht nur bei Silvana, sondern vor allem bei seinen Pokémon. Anschließend ging er auf Lucia zu. Als sie beide die Arena verließen, blieb ihre Hand länger an seiner, als es Zufall hätte erklären können. Und dieses mal zog sie nicht zurück. Silvana blickte beiden hinterher und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

Bühne aus Blättern

Am nächsten Morgen lag Ewigenau still hinter beiden. Der Morgen war kühl, die Straßen und noch leicht feucht vom Tau. Finn drehte sich noch einmal um. Die Dächer, die alten Mauern, die Fensterläden. Als wirkte kleiner im ruhigen Licht der Morgendämmerung.
 

„Komisch, man ist immer nur ein paar Tage an einem Ort. Und trotzdem hat man immer wieder das Gefühl etwas zurückzulassen“, bemerkte er nachdenklich.

„Vielleicht lassen wir nichts zurück. Sondern nehmen nur mehr mit, als wir merken“, antwortete Lucia lächelnd. Sie hielt einen kleinen Prospekt in der Hand.

„Was ist das“, fragte Finn. Sie zeigte Finn den Einband der Broschüre.

„Ein Wettbewerb. Auf der Route südlich von hier. In einem alte Park mit einer Naturbühne“, sagte sie.

„Natürlich ist es eine Naturbühne“, sagte Finn grinsend.

„Hey! Ich glaube ich möchte da teilnehmen“, protestierte Lucia gespielt empört.

Finn bemerkte, dass sie nicht muss oder sollte gesagt hatte, sondern möchte. Die Zeichen der Zeit hatten sich gewandelt, jetzt war sie es, die unsicher wirkte und nicht Finn.

„Dann gehen wir dahin“, sagte Finn sofort.

„Einfach so“, fragte Lucia überrascht.

„Klar, du warst bei meinem Orden, jetzt bin ich bei deinem Band“, sagte er.
 

Lucia sah nach vorne, damit Finn nicht so wie ihre Wangen leicht erröteten. Der Weg führte über offene Wiesen, dann wieder an Waldrändern und einem kleinen Bach entlang. Nach einer Weile machten sie eine kleine Rast und Lucia nutzte die Gelegenheit, um Feurigel mal wieder aus seinem Pokéball zu lassen.
 

„Ich weiß noch nicht, ob es bereit für eine Bühne ist“, sagte sie leise.

„Vielleicht geht gar nicht darum“, sagte Finn und setzte sich neben Lucia. Sie sah ihn verwundert an.

„Vielleicht geht es darum, ob du bereit bist mit ihm dort zu stehen“, fuhr er fort.

Lucia sah Feurigel an, was auf dem Rasen mit Knospi spielte.

„Ich glaube ich möchte zeigen, dass Stärke nicht laut sein muss“, murmelte sie leise.

„Dann wird das dein bester Auftritt“, sprach Finn ihr Mut zu.
 

Der Wind strich durch die Wiese und ließ das Gras in Welle tanzen. Für einen Moment wirkte die Welt wie eine Bühne ohne Publikum. Und irgendwo zwischen Orden und Band, zwischen Kampf und Auftritt, zwischen Ziel und Gefühl, wurde ihre Reise wieder etwas anders. Nicht nur eine Sammlung von Erfolgen, sondern eine Geschichte aus Entscheidungen. Als sie am Nachmittag weitergingen, war das Ziel kein Orden, keine Stadt, kein weiterer Prüfstein, sondern eine Bühne zwischen Bäumen. Und mittendrin war ein Mädchen das langsam verstand, dass sie nicht glänzen musste, um zu leuchten.
 

Der Park lag wie ein grünes Amphitheater in der Nachmittagssonne vor den beiden. Zuschauerränge aus Stein schmiegten sich halbkreisförmig um eine Bühne aus hellem Holz, überwachsen von Ranken und Blüten. Kein Dach oder Scheinwerferlicht, nur Himmel und die Sonne. Lucia atmete tief ein. Backstage war es sehr lebendig. Koordinatoren übten letzte Bewegungen. Und mitten in dieser Masse an Menschen erblickte Lucia plötzlich eine bekannte Gestalt – Mireya. Sie stand ruhig an einem Tisch, bürstete das Fell ihres Pokémon mit langsamen, präzisen Bewegungen. Als sie Lucia bemerkte hob sie den Blick und begann zu lächeln.
 

„Du bist auch hier“, sagte Mireya.

„Ja, tritts du heute an“, fragte Lucia.

„Nein, manchmal lernt man mehr vom Zuschauen und ich habe mittlerweile bereits zwei Bänder gewonnen“, sagte Mireya.

Lucia nickte. Ein Teil von ihr war erleichtert, ein anderer enttäuscht. Aber vor allem fühlte sie sich frei. Als Lucias Name aufgerufen wurde, wurde alles still. Sie betrat die Bühne, Feurigels Pokéball in der Hand. Das Publikum war nicht riesig groß, aber aufmerksam und gespannt was folgen würde.
 

„Los geht’s“, flüsterte sie leise. Feurigel erschien in einem leisen Aufleuchten. Die Flamme auf seinem Rücken brannte kräftig. Die erste Bewegung war schlicht. Feurigel lief in einem Kreis, ließ kleine Funken in die Luft steigend. Lucia drehte sich mit, ihre Schritte wirkten leicht und fließend. Dann wurde es riskant.
 

„Niedriger Feuerwirbel jetzt“, sagte sie zu ihrem Pokémon. Ein Ring aus Feuer entstand, nicht hoch auflodernd, sondern nur knapp über dem Boden, sich drehend wie ein glühender Windkreis. Ein Raunen ging durchs Publikum.

„Jetzt spring hindurch“, rief Lucia. Für einen Moment verschluckten die Flammen Feurigels Silhouette. Finn bleib im Publikum beinahe das Herz stehen vor Aufregung. Dann landete es auf der anderen Seite, drehte sich, die Funken verteilten sich wie Glühwürmchen im Sonnenlicht. Lucia drehte sich durch das flammende Leuchten, als würde sie mit dem Feuer tanzen statt es zu kontrollieren. Zum Abschluss ließ Lucia eine letzte Glut in den Himmel schicken. Keine Explosion, kein lauter Knall, nur ein aufsteigender Lichtfächer, der sich in der Sonne verlor.
 

Nach einem kurzen Moment der Stille setzte Applaus ein. Kein tosender Jubel, kein Stadionlärm. Lucia nahm Feurigel sichtlich stolz in ihren Arm. Es hatte alles so geklappt wie sie es sich vorgestellt hatte. Als sie als Gewinnerin aufgerufen wurde, konnte sie es kaum glauben. Später, bei der Siegerehrung, fühlte sich das Band leichter an als von ihr im Vorfeld erwartet. Am Rand der Bühne lehnte Mireya an einem Baum. Kopfnickend, sie freute sich mit für Lucia. Dann verließ sie die Naturbühne.

Unterdessen nahm Finn Lucia vor Freude strahlend in Empfang.
 

„Du warst unglaublich“, sagte er stolz. Lucia sah erst ihn an, dann das Band und schließlich Feurigel. Zum ersten Mal fühlte sich ein Sieg nicht wie ein Schritt nach vorne, sondern wie einer nach innen an. Sie sagte nichts und nahm Finn in den Arm. Und so standen sie beide vereint im Schatten der Naturbühne. Und wären die Sonne langsam begann am Horizont zu versinken wusste Lucia, dass dies erst der Anfang war.

Wenn Stärke Geduld braucht

Der Weg Schleiede war keiner der beeindruckte. Er schlängelte sich durch Felder, über kleine Brücken, an Bächen entlang, die so leise plätscherten, als hätten sie Angst, die Ruhe der Landschaft zu stören. Kein dramatischer Horizont, keine großen Städte in Sicht, ab und zu ein kleines Dörfchen. Nur Himmel, Wind und das gute Gefühl unterwegs zu sein. Lucia lief ein paar Schritte vor Finn und drehte ihr gewonnenes Band zwischen ihren Fingern. Es fing das Sonnenlicht ein, schimmerte kurz und verschwand dann wieder in ihrer Tasche. Hinter ihnen stapfte Panpyro gemächlich durchs Gras. Luxio ging aufmerksam am Rande des Weges. Knospi untersuchte jede Blume die es finden konnte ganz ausgiebig. Dann ließ Finn Karpador aus seinem Pokéball. Es landete mit einem dumpfen Platsch im Gras und zappelte vor sich hin.
 

„Wir trainieren jetzt“, sagte Finn sichtlich motiviert. Karpador blinzelte ihn an. Lucia kniete sich daneben.

„Vielleicht ist zappeln einfach sein Kampfstil“, sagte sie. Finn musste lachen. Er half Karpador in eine kleine, aber mit Wasser gefüllte Senke. Karpador fühlte sich im Wasser sichtlich besser, wusste jedoch weiterhin nicht was es machen sollte. Lucia beobachtete Finn, nicht sein Pokémon.

„Du gibst nie auf, oder“, fragte sie ihn.

„Ich habe doch gesagt, ich bleibe“, sagte er und konzentrierte sich auf Karpador. Sie lächelte, sagte jedoch nichts. Es war mittlerweile Mittagszeit und so rasteten sie auf einer Weide mitten im Grünen. Feurigel lag zusammengerollt im Schatten, die Flamme auf seinem Rücken nur ein sanftes Glimmen. Lucia saß weiterhin im Gras und begann ein paar kleine Blumen zu pflücken und sie gedankenlos zu einem Kranz zusammenzubinden.

„Darf ich ehrlich sein“, fragte sie plötzlich.

„Immer“, antwortete Finn.

„Ich dachte, wenn ich mein zweites Band gewinne, fühlt sich das anders an. Irgendwie größer“, sagte sie. Finn dachte nach und sagte nichts.

„Es fühlt sich aber einfach nur ruhig an“, fuhr Lucia fort.

„Vielleicht ist das sogar besser“, antwortete Finn. Sie sah ihn an, als hätte er gerade etwas Wichtiges gesagt, ohne es selbst zu bemerken.
 

Ein Windstoß fuhr das durch das Gras, ließ die Weide rauschen. Für einen Moment schwiegen beide und horchten der Natur zu.

„Weißt du, früher dachte ich reisen heißt immer weiter, immer zu schneller, aber jetzt mag ich Umwege“, sagte Finn. Lucia sah Finn an und lächelte.
 

Am Nachmittag begegneten sie zwei Trainern, die spontan einen Doppelkampf wollen. Nichts Ernstes, nur ein Kräftemessen. Panpyro und Knospi kämpften Seite an Seite. Beide agierten wie ein richtig gutes Team. Knospi wuchs regelrecht über sich hinaus. Lucia bemerkte dies sofort, Finn ebenso. Nach dem Kampf kniete er sich herunter zu Knospi ins Gras, strich vorsichtig über seinen Kopf. Knospi stupste seine Hand an. Lucia war gerührt beim Anblick der beiden und ihr Herz begann schneller und lauter zu schlagen, was sie auch bemerkte. Als die Sonne tiefer sank gingen sie weiter. Der Weg färbte sich golden, Schatten wurden länger. Lucia lief dieses mal neben Finn. Ihre Schultern berührten sich ab und zu beim Gehen, keiner wich aus. Hinter ihnen blieb der Weg, vor ihnen wartete der nächste Abschnitt, nicht das Ziel, sondern ein gemeinsamer Schritt. Und irgendwo zwischen Band, Orden und einem zappelnden Karpador wurde ihre Reise immer weniger zu einem Wettlauf. Stattdessen wurde es immer mehr zu etwas, das wuchs, weil sie es teilten.
 

Nach einer Weile erreichten beide ein kleines und beschauliches Dorf namens Trostu, auf ihrer Reise nach Schleiede. Lucia und Finn bemerkten eine Reihe von Enton, die Hände über den Köpfen, die Augen halb verschlossen.
 

„Schon wieder Kopfschmerzen“, murmelte Lucia.

„Hier scheint das normal zu sein“, sagte Finn.
 

Die Enton wirkten nicht panisch, eher überfordert. Als würde etwas in der Luft liegen, was die Pokémon spürten, man mit dem Auge aber nicht erkennen konnte. Knospi blieb vor den Enton stehen und beobachtete sie lange, ungewöhnlich lange. Luxio blieb dicht bei Finn, sein Fell knisterte leise, als würde die Spannung der Umgebung auch ihn beeinflussen. Lucia und Finn beschlossen eine Weile hier zu bleiben und zu trainieren. Finn kümmerte sich rührend um Knospi, erklärte im Taktiken, wie es seine Stärken noch verbessern könnte. Das Pokémon hörte aufmerksam zu. Auch Lucias Feurigel schien immer mehr in Sinnoh Region anzukommen und fühlte sich sichtbar wohl bei Lucia. Es vergingen ganze zwei Stunden. Die Enton hatten sich dabei nicht bewegt. Plötzlich näherte sich eine unbekannte Frau den beiden. Ihre Statur war schlank und groß, die Haare lang und blond. Sie stellte sich ihnen vor. Ihr Name war Cynthia und sie käme ursprünglich gar nicht weit von Trostu entfernt, aus einem Ort namens Elyses. Sie erklärte Lucia und Finn das die Enton in letzter Zeit vermehrt den Weg nach Elyses versperrten und es zwecklos sei, sie bewegen zu wollen. Zu groß die Kopfschmerzen, die sie hatten. Zu groß die Gefahr, sie zu verletzen, bei dem Versuch sie zu bewegen. Cynthia sah Knospi an.
 

„Dieses Pokémon ist etwas ganz Besonderes“, sagte sie. Finn war überrascht, aber auch geschmeichelt. Er blickte Knospi an und dachte an den Moment zurück, als Knospi und er beschlossen ihre Reise gemeinsam zu begehen. Er hatte von Anfang an etwas spezielles in ihm gesehen. Etwas von dem er nicht wusste, was es ist. Aber er war sich sicher, dass es sich lohnen würde darauf zu warten. Nach einer Weile verabschiedete sich Cynthia von den beiden.
 

„Man sagt sie sei die stärkste Trainerin der gesamten Sinnoh Region“, sagte Lucia nachdem Cynthia gegangen war.

„Ja, ich weiß. Meinst du ich kann sie irgendwann herausfordern“, fragte Finn.

„Da bin ich mir ganz sicher“, sagte Lucia. Finn errötete leicht, was Lucia nicht verborgen blieb. Der anfänglich so schüchterne und planlos Trainerneuling, hatte sich weiterentwickelt. Finn kannte seine Stärken und hatte einen Plan, aber er wusste er muss ein Schritt nach dem anderen gehen und der nächste Schritt war die Pokémon Arena in Schleiede, wo er seinen dritten Orden gewinnen wollte. Und so setzten beide ihre Reise fort.



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