Rufus
Im obersten Stockwerk des Hauptquartiers schlug Rufus Shinra die Augen auf. Hier, in seinem Schlafzimmer, fern vom Rest der Welt, wollte niemand etwas von ihm. Der dunkle Raum war klimatisiert, achtzehn Grad. Das sagte ihm die Konsole an der Wand gegenüber. Seine Arme ruhten auf der angenehm kühlen Bettdecke, doch darunter drückte sich der warme Körper einer Frau an ihn. Ihr weicher Kopf schmiegte sich an seine Schulter und er umfasste sie seinerseits, hielt sie fest in dieser morgendlichen Zweisamkeit. Dann jedoch gab sie ein Murren von sich, und ihm wurde schlagartig klar, warum: Der Wecker neben ihm dröhnte schon die ganze Zeit. Deswegen war er wach. Es war fünf Uhr morgens. Ein neuer Tag. Er schaltete den Wecker aus.
Augenblicklich entspannte sie sich in seinen Armen. Er schloss noch einmal kurz die Augen, während er ihr einen Kuss auf den hellblonden Schopf gab. Sie seufzte und er spürte, dass sie schon wieder dabei war, zurück in den Schlaf zu sinken, aus dem sein Wecker sie so unsanft gerissen hatte. Im Zimmer erhellte noch kein Tageslicht die weißen Wände oder die helle Seidenbettwäsche durch die verglaste Fensterfront. Er griff nach dem Kristallglas mit Wasser neben dem Wecker und nahm vorsichtig einen Schluck. Sie reagierte nicht mehr, war wieder eingeschlafen. Er stellte das Glas lautlos zurück und hielt sie sanft fest, während er sich aus dem Bett stahl, ohne ihren Schlaf erneut zu stören. Einen Moment später stand er vor dem Bett, ihr Kopf noch immer auf dem Kissen. Ein eindeutiger Erfolg.
Wie jeden Morgen in den letzten Monaten eigentlich. Er nahm noch den Wecker zur Hand und stellte ihn für seine Frau auf sechs Uhr und acht Minuten, bevor er ihn neben ihrem Handy platzierte, das auch auf dem Nachttisch lag. Sein Blick ging sehnsüchtig zu ihr zurück. Die zerzausten Haare, die roten Punkte um ihre Nase, das pinke Seidenhemd, die Wärme unter der Decke im gekühlten Raum. Ja, die Temperatur war ideal zum Schlafen. Aber erst durch die Wärme ihrer Haut wurde der Schlaf wirklich schlafenswert. Mit einem Seufzen hob er den Blick, vor ihm die Glasfront, dahinter Midgars Himmel, Midgar, kalt, vernebelt an diesem Morgen im November. Seine Stadt. Rund um die Uhr. Das ganze Jahr. Immer. Sie würde ihn immer gnadenlos daran erinnern, dass er weiter musste. Also schlüpfte er, ein letztes Mal den Kopf nach seiner Frau drehend, schnell in eine Hose aus Kaschmir und verließ ohne ein weiteres Geräusch das gemeinsame Schlafzimmer.
„Ich nehme also an, die Welt brennt nicht?“, begrüßte er Tseng, der auf der anderen Seite der Tür auf seinen Einsatz gewartet hatte.
„Korrekt“, bestätigte Tseng.
„Sonst Auffälligkeiten?“, fragte Rufus, schon auf halbem Weg vorbei an Tseng Kontrollbereich am Eingang des Penthouses.
„Nicht seit gestern Abend“, erwiderte Tseng, und mit einem unterdrückten Gähnen zog er sich hinter seine Tür zurück, wo er, so stellte Rufus sich vor, einen großen Becher Grüntee auf seinem Tisch mit den Bildschirmen zu stehen hatte.
In wenigen Schritten hatte Rufus den hellen offenen Wohnbereich durchquert, der die große Mitte der Etage einnahm; in der Küche dahinter hatte das Personal bereits von ihm ungesehen, aber von Tseng überprüft seinen Espresso und ein kleines Glas Wasser bereitgestellt. Das Dampfen aus der Tasse war kaum noch sichtbar. Er griff nach dem Henkel und noch während sein Blick über die glänzenden Oberflächen schweifte, leerte er die Tasse in zwei zügigen Schlucken, danach stellte er die Tasse zurück und setzte das Wasser an. Allmählich begannen seine Gedanken zu arbeiten. Die Firma ging strammen Schrittes auf das Quartals- und vor allem das Jahresende zu. Er erwartete einige Berichte. Am besten, er beeilte sich an diesem Morgen.
Rufus betrat durch die zweite Tür der Küche den hinteren Bereich des Penthouses, in dem das Laufband stand. In der einen Ablage blinkte bereits sein Geschäftshandy, geladen und gebrieft, in der anderen steckten eine Wasserflasche und sein privates Handy. Er wusste, ungefähr zur gleichen Zeit, nur unzählige Stockwerke unter ihm, betrat gerade Sephiroth das firmeninterne Gym und begann ein gnadenloses Muskeltraining, das für dessen massigen Körper sorgte. Rufus hingegen begnügte sich, in Gedanken an seine junge Frau, zunächst mit einer Anzahl an Liegestützen und Sit-Ups. Anschließend stellte er das Laufband auf einen moderaten Anstieg ein und begann seinen Morgenspaziergang, immer ordentlich auf siebeneinhalb Kilometer die Stunde. Und jetzt, es war mittlerweile 5:12, nahm er erstmals sein Businesshandy zur Hand.
Die erste Nachricht war die wichtigste. „Statusbericht: keine Auffälligkeiten“, eingegangen um exakt 5:00 vom Sicherheitsbüro. So musste er zumindest nicht direkt irgendwelche zusätzlichen Termine koordinieren. Er entnahm der anderen Ablage die kleinen weißen Kopfhörer und steckte sie sich in die Ohren. Während sein Puls konstant um die 120 schlug, ließ er sich von seinem Stab über einen Bildschirm eine Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten aus der ganzen Welt, dem Land, Shinra und der neuesten Social-Media-Trends geben. In China meldeten die Behörden offenbar eine mysteriöse Ausbreitung einer seltsamen Lungenkrankheit. Rufus runzelte die Stirn. Es wurde keine Relevanz für den globalen Markt erwartet. Warum erhielt er diese Nachricht dann? Er griff nach dem Wasser.
Voraussichtliche Jahresbilanzen, Rohdaten, Makoförderung, Makoverbrauch, Budgets unterschiedlicher Abteilungen – die Forschung hatte zu viel Geld ausgegeben, Sephiroth welches durch stramme Pläne eingespart – Produktentwicklung, Abschlusszahlen der Offiziersakademie bei SOLDAT ... Rufus sortierte eine Menge Zahlen, ehe er zum Analyseteil des Briefings überging: Mit der Beliebtheit des Unternehmens online war das so eine Sache. Die meisten Bubbles, so seine Berichte, sahen die Monopolstellung in Sachen Energieversorgung, zumal sie sich als Konzern in die Politik einmischten, nicht gerne. Dennoch wusste das gesamte Land, dass Shinra mehr als fair bezahlte und Gewinn nicht nur um des Gewinns willen machte, sondern ihn auch teilte. Die Firsts als Aushängeschilde taten den Rest. Insgesamt also eher keine Verschiebung der Onlinemeinung. Er schaute auf die Ecke des Laufbandbildschirms: Mittlerweile war er fünfunddreißig Minuten gelaufen. Er stellte fünf Minuten Cooldown ein und legte das Handy sowie die Kopfhörer beiseite. Den Blick starr geradeaus gerichtet, ohne wirklich etwas zu betrachten und in dem Versuch, an nichts zu denken, lief er die letzten Minuten ab, nun bedeckt von einer angenehmen Schweißschicht.
Sobald das Laufband stoppte, nahm er erneut die Wasserflasche zur Hand, verließ den Raum in Richtung des angrenzendes Bads und versuchte, die Flut an aufgenommenen Informationen für einen Moment abzuschütteln, aber für später doch im Hinterkopf zu behalten. Er ließ die Kaschmirhose auf dem Marmorboden zurück und brauste sich in der ebenerdigen Dusche schnell den Schweiß vom Körper, in der Hand die Zitrusseife, die seine Frau so schätzte. Er schmunzelte kurz bei dem Gedanken, dass irgendjemand diesen Zitrusduft an ihm roch und sich wunderte, ob das denn zu ihm passte. Er schüttelte den Gedanken ab.
Im Spiegel nach der Dusche stutzte er den sporadisch verstreuten Bartwuchs, der bei ihm nie so recht hatte einsetzen wollen, wusch sich das Gesicht und öffnete dann den Schrank über dem Waschbecken. Die P50 ließ er gerne aus – aber ein wenig Rich Cream konnte nicht schaden. Danach ein paar Sun Drops, auch im November, wie er von Genesis gelernt hatte. Hautalterung hatte keine Jahreszeiten. Schließlich fuhr er sich, in den Händen ein paar Pumpstöße Oribe verteilt, durch die Haare. Diese Handgriffe saßen seit über fünfzehn Jahren. Insgesamt hielt er sich für vorzeigbar.
Mit einem Handtuch um die Hüfte gewickelt ging er durch den Wohnbereich zurück ins Ankleidezimmer, wo sein Anzug bereits für ihn ausgebreitet war. Auf dem Beistelltisch daneben lag sein üblicher Nussriegel: Nüsse, Haferflocken, möglichst wenig Zucker, alles möglichst clean, optimiert hergestellt von, natürlich, Shinra für Shinra. Er packte den Riegel aus und steckte ihn sich in den Mund, während er sich für den Tag kleidete: Leinenhose, Leinenhemd, schwarze Veste, Leinenjackett, ideal geschneidert, makellos gebügelt. Ein letzter Bissen, den Stoff noch einmal glatt streichen, auf etwaige Krümel überprüfen. Im Spiegel sah er nun aus wie Rufus Shinra, Präsident der Shinra Electric Power Company. Er neigte den Kopf. Bevor er Präsident Shinra für den Tag wurde, hatte er allerdings noch eine letzte Sache zu erledigen.
Zurück in der Küche gegenüber, Espressotasse und Glas waren bereits weggeräumt worden, war zwar schon alles vorbereitet, aber er legte Wert darauf, die eigentlichen Handgriffe selbst auszuführen. Meditativ wog er Kaffeebohnen, ließ sie zermahlen, fing sie im Sieb auf und klopfte den Kaffee fest, bevor er einen Espresso aus der voreingestellten Maschine zog. Während der Kaffee lief, wandte er sich jedoch der Königsdisziplin zu: Er befüllte zunächst den Metallbehälter mit frischer Milch aus dem Kühlschrank. Ein ruhiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sie langsam aufschäumte, nicht zu stark. Dann nahm er sich ein schönes großes Kristallglas aus dem Schrank, füllte die Milch ein und ließ am Schluss langsam den Espresso darüber laufen. Damit machte er sich wieder auf den Weg, vorbei an Tsengs Kontrollinstanz am Eingang, zurück ins Schlafzimmer, aus dem nun wieder der Wecker zu hören war. Das Chaos in der Küche überließ er dem Personal.
Seine Frau schlug gerade seufzend auf den Wecker, als er zur Tür hereinkam. Er drückte hingegen nur leicht auf den Dimmschalter neben sich, und ein sanftes Licht erfüllte den Raum, ohne zu blenden. „Na?“, sagte sie heiser und rückte im Bett ein Stück, damit er sich zu ihr setzen konnte. Er schloss die Tür hinter sich, durchquerte das Zimmer und überreichte ihr den Kaffee. „Handy“, sagte sie dann noch, und er griff nach ihrem Handy neben dem Wecker, um es ihr zu reichen. Sie wischte darauf herum, während sie an ihrem Kaffee nippte und sich bei ihm anlehnte. Er betrachtete sie, wie langsam Leben in sie kam. Sie kämmte sich mit den Fingern geistesabwesend durchs Haar. Die niedlichen kleinen Rötungen um ihre Nase blieben.
„Was Spannendes?“, fragte er.
„Taylor Swift hat bei den American Music Awards abgeräumt und auch dort performt“, sagte sie abwesend. Wenn sie als nächstes noch „Was hat das bloß zu bedeuten?“ sagte, konnte sie sich wahrlich mit Sephiroth zusammentun. „Sie ist jetzt ‚Künstlerin des Jahrzehnts‘, was auch immer das bedeutet.“
Rufus strich ihr über den Arm. Was ihn anging, klang die Bezeichnung recht eindeutig.
„Der Kaffee ist übrigens toll, danke“, sagte sie. Wie eigentlich auch jeden Morgen. Also wieder ein voller Erfolg. „Oh Gott, guck!“, sagte sie dann plötzlich und hielt ihm das Handy hin. Ein Onlinevideo von einem Shinra-Soldaten, der beim Wachdienst über eine Katze stolperte. Er schmunzelte. Das hatten sie ihm beim Briefing nicht erzählt.
„Katzenvideos“, sagte er. „Dafür wurde das Internet erfunden.“
„Wofür, wenn nicht für Katzen?“, erwiderte sie.
„Was steht heute so an?“, fragte er und rückte am Kopfende des Bettes zurecht. Wie es klang: nichts Weltbewegendes. Ein Abschlussbericht der Abteilung, Lunch mit Martha, ein Planungstreffen für ein neues Projekt, das im nächsten Kalenderjahr eingeleitet werden sollte. Ein wenig stellte er auf Durchzug. Innerlich war er wieder bei dem Krankheitsausbruch in China, dem einzigen Störfaktor in diesem sonst sehr gewohnten Bericht. Prognosen, wonach lokale Ereignisse keinen globalen Einfluss haben sollten, hatten sich bereits in der Vergangenheit als falsch herausgestellt. Er nahm sich vor, die Budgetabteilung mit der Anfertigung möglicher Szenarien zu beauftragen für den Fall, dass das ganze Land von einer schweren Grippewelle erfasst werden sollte. Immerhin war China ein wichtiger Handelspartner.
„Und ich dachte, wenn du mir irgendwann wieder zuhörst, könnten wir gemeinsam bei meinem Liebhaber vorbeischauen“, sagte sie, bevor sie den Kaffee leerte.
„Wenn er dich glücklich macht“, erwiderte Rufus. Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Am besten, ich geh jetzt runter.“ Er würde sie in Ruhe aufstehen und ihren eigenen Anzug für die Arbeit anlegen lassen. Er war schon dabei, sich zu erheben, da streckte sie ihm wie jeden Morgen das Kaffeeglas entgegen, und er tat missbilligend. Er mochte ihr den Kaffee zubereiten und bringen, aber er räumte ihn ganz sicher nicht weg. Er gab ihr einen letzten Kuss auf die Stirn und verließ das Schlafzimmer, hinter dessen Tür Tseng erneut Stellung bezogen hatte.
Die Bildschirme ratterten weiter, während Tseng ihn wortlos zum Aufzug begleitete und ihm seine zwei Handys reichte. Tseng würde hier bei der First Lady bleiben, Rufus würde sich in sein Büro begeben, in direkter Nähe seines Sicherheitschefs. Bevor er zur Arbeit im Stockwerk darunter ging, machte er jedoch einen Umweg auf die SOLDAT-Etage: Noch vollkommen dunkel. Keines der Büros besetzt, auch nicht Sephiroths. „Ha“, entfuhr es Rufus. Mit einem gewissen Stolz überprüfte er jeden Morgen, ob er auch wirklich als Erster anfing, und sein Maßstab dabei war Sephiroth. Rufus hatte morgens vor ihm anzufangen und abends nach ihm aufzuhören. So gehörte sich das für den Unternehmenschef, befand er. Zufrieden kehrte er der Etage den Rücken. So begann der Tag gut. Und keine zwei Minuten später ließ sich Präsident Rufus Shinra im Stuhl hinter seinem massiven Schreibtisch nieder.
Rufus (alternativ)
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Seph
Sephiroths Blick fiel zuallererst auf den schlafenden Genesis neben sich. Er seufzte wohlig. Draußen war es dunkel und – soweit er das durch die schalldichten Fenster einschätzen konnte – still. Er streckte eine Hand aus, um Genesis, der mit dem Rücken zu ihm lag, sanft mit den Fingerspitzen über die Schulter zu fahren. Die glatten weißen Laken raschelten dabei leise. Sephiroth atmete noch einmal tief durch und stahl sich dann aus dem Bett, ohne Genesis zu wecken.
In der Küchenzeile direkt hinter der Schlafzimmertür wartete sein Müsli darauf, aus dem Kühlschrank genommen zu werden. Er lockerte den Skyr, in dem er es angerührt hatte, mit ein wenig Wasser auf und zerbröselte Nüsse darüber, ehe er es im Stehen und möglichst geräuschlos löffelte. Dabei nahm er das Handy zur Hand. 4:27, er lag gut in der Zeit. Er entriegelte es mit Genesis‘ Geburtsdatum 1179 und checkte Twitter. Sechs AMAs für Taylor, die mehr als zehnminütige Performance würde er sich jetzt nicht anschauen. Ein virales Shinra-Katzen-Video. Der Soldat kam ihm bekannt vor, auch wenn der Name ihm nicht sofort in den Sinn kommen wollte. Er mochte Katzen. Das Handy musste er jetzt allerdings weglegen, um das Müsli aufzuessen. Seine Lebensgeister erwachten.
Anschließend stellte er die Schüssel in die Spüle. Und brachte ein wenig Bewegung in seinen steifen Rücken. Es war nicht leicht, auf die vierzig zuzugehen, auch wenn Genesis ihm versicherte, dass die erste vier sich nicht mehr so schlimm anfühlte wie die erste drei. Hm. Jünger wurden sie wohl alle nicht. Er bewegte den Kopf, um den Nacken zu lockern. Es half wohl alles nichts.
Er schlich sich noch einmal lautlos zurück ins Schlafzimmer, um sich etwas anzuziehen, und verließ dann das Quartier, um mit dem Aufzug nach unten zum ersten Training des Tages zu fahren. Er betrat den allgemeinen Fitnessraum als Erster und schaltete das Licht ein. Hochglanzgeräte, soweit das Auge reichte, für alle möglichen Muskelpartien. Was er jedoch zuerst ansteuerte, war der Cardiobereich weiter hinten. Er würde sich kurz auf hoher Geschwindigkeit einlaufen, anschließend zwanzig – so sehr er den Klang des Begriffs verabscheute – Burpees in etwa dreißig Sekunden absolvieren und dann noch ein wenig schnell seilspringen. Das sollte ihn genug erwärmen für sein Muskeltraining.
Er entschloss sich spontan, als Muskelgruppe des Tages die Rückenpartie zu bestimmen, obwohl er zuvor eigentlich Core im Sinn gehabt hatte. Die Wasserflasche im Anschlag, verließ er den Cardiobereich und suchte, noch während er sich im Gehen streckte, die Geräte auf. Acht Übungen, zwölf Wiederholungen, für die erste Hälfte je vier, für die zweite Hälfte je drei Sätze. Latzug, Rückenstrecken mit Gewicht und an verschiedenen Maschinen, schließlich griff er zu den Hanteln. Als er fertig war, fühlten sich die Muskeln in seinem Körper angenehm gefordert, aber nicht überanstrengt an. So ging er ins Cooldown, um Sehnen und Muskeln zu strecken und die Gelenke beweglich zu halten. Und dabei nie das Wasser vergessen. Vielleicht konnte er so seinen alternden Rücken überreden, so jung zu bleiben wie seine Haut. Zum Schluss fuhr er sich über das verschwitzte Gesicht. Insgesamt ein erfolgreiches Training nach seinem Dafürhalten. Allmählich trudelten auch andere Soldaten ein, was sein Signal war, wieder zu verschwinden. Es war schon fast sechs.
Oben stieg er unter die Dusche, um sich den Schweiß vom Körper zu reiben. Anschließend öffnete er seine Haare und kämmte sie einmal ordentlich durch. Aus dem Schrank über dem Waschbecken nahm er eine weiße Pumpflasche mit hellgrünem Deckel zur Hand und verteilte ein wenig von dem feinen Feuchtigkeitsnebel vor allem in den Spitzen und im Nacken. Zwar mochte er keinen Duft in Kosmetik, aber dieser war recht flüchtig und erinnerte ihn eigentlich nur ein Sportduschgel. Schließlich nahm er eine schwarze Pumpflasche mit achteckigem Deckel her und verteilte das Schutzspray so sparsam wie möglich, aber so großzügig wie nötig. Ein paar Tropfen honigfarbenen Öls aus einem runden Behälter. Noch einmal kämmen. So sollten seine Haare für den Tag gepflegt sein. Er band sie im Nacken zusammen und ließ die Längen schwerelos über seinen Rücken fallen.
Er musste nur noch erneut lautlos ins Schlafzimmer schleichen, um seine Uniform anzulegen, und in der Küche die Müslischale spülen. Anschließend rührte er ein neues Müsli an: eine halbe Packung Skyr, eine ordentliche Portion Vollkorn-Haferflocken, verrühren, ab in den Kühlschrank für den nächsten Tag. Mittlerweile musste es etwa Viertel nach sechs sein. Zeit, ins Büro zu gehen. Und mit einem letzten Blick zurück auf die geschlossene Schlafzimmertür verließ er ihr gemeinsames Quartier.
Rufus (Reprise)
Das ist alles richtig so, aber dabei darf nicht vergessen werden –“ Doch Rufus hob die Hand und gebot Schweigen. Die Gesichter des Onlinemeetings erstarrten. Sein Blick war am Bildschirm vorbei zur Treppe gegangen, die zu seinem Büro hochführte: Die einzige Person, für die galt, dass sie immer durchgelassen werden sollte, egal, was gerade vor sich ging, kam emporgestiegen.
„Wenn Sie mich einen Moment entschuldigen würden“, sagte er. Die Empörung, die sich offensichtlich breitmachte, war ihm egal. Er erhob sich und ging seiner Frau entgegen. Sie hielt einen Autoschlüssel in der Hand, auf dem ein großes M in Form eines Dreizacks prangte.
„Ich wollte mich verabschieden, bevor ich gehe“, sagte sie, und er umfasste sie um die Hüfte, um sie näher an sich zu ziehen. Sie umspielte mit ihren Händen seine Schultern, den Blick aus ihren braunen Augen in seinen blauen.
„Du siehst wie immer so umwerfend aus“, sagte er lächelnd und verwies auf ihren, wie er wusste, maßgeschneiderten Hosenanzug.
„Das hör ich doch gerne“, sagte Nalia, und ihre Hände wanderten von seinen Schultern über seine Brust zu seinem Bauch. „Hmm, haben wir trainiert?“
„Quatsch, ich doch nicht“, sagte er. Er war sich des Einflusses, ständig von Soldaten umgeben zu sein, durchaus bewusst. Er beugte sich zu ihr vor und sie umschloss sein Gesicht in ihren zarten Händen, während sie einen sanften Kuss austauschten. Mit einem Seufzen legte sie die Stirn an seine. „Grüße an Martha“, sagte er, als sie sich verabschieden mussten. Es war mittlerweile etwa sieben Uhr.
„Richte ich aus“, sagte sie wehmütig und machte sich an den Abstieg der Treppen. Rufus sah ihr noch nach, solange es möglich war, dann wandte er sich wieder der Konferenz zu.
Yuffie
Yuffie
„Verflucht seist du!“, rief sie dem piependen Wecker prompt entgegen. Sie vergrub den Kopf unter dem Kissen, auf dem er Sekunden zuvor noch tief schlafend geruht hatte. Und das Piepen verstummte. Sie lugte unter dem Kissen hervor. Es war stockduster, doch über dem Wecker schwebten zwei kleine rote Lichter, die sie fixierten. Vincent hatte für sie den Wecker ausgeschaltet, erwartete nun aber auch von ihr aufzustehen. Sie jammerte. „Neeeeiiiinnn ...“
„Ich schalte das Deckenlicht ein“, drohte er ihr ruhig. „Und nehm dir die Decke weg ...“
„Ich mach ja schon“, sagte sie, und frierend setzte sie sich unter der Decke auf. „Du bist grausam.“ Sie gähnte und griff nach der kleinen Lampe auf dem Schreibtisch neben dem Bett. Der Lichtkegel erhellte ihr Schlafzimmer: den großen Holzschrank, den Bettvorleger, auf dem sie im Winter bestand, weil sie nicht vorhatte, barfuß auf kaltem Boden zu laufen, die Bücherregale, eine Lichterkette, die sie Jahre zuvor ergänzt hatte, Bilder von ihrer älter werdenden Tochter – und Vincent natürlich, der immer noch vor dem Wecker verharrte, der mittlerweile 5:31 anzeigte. Ihr lief ein Schauer über den Rücken.
„Die Heizung läuft“, sagte Vincent, der natürlich wieder einmal ihre Gedanken gelesen hatte.
„Die Dusche wird mich schon aufwärmen“, sagte sie. Sie wickelte die Decke um sich und schritt damit zum Kleiderschrank, aus dem sie sich Klamotten zusammensuchte. Chic für die Arbeit, irgendwie sie, aber auch warm. Verdammtes Midgar. Zwang sie jedes Mal, wenn sie sich aus so banalen Gründen wie Kälte fragte, warum sie Wutai verlassen hatte, sich daran zu erinnern, warum sie Wutai verlassen hatte. Verdammter Winter.
Sie wandte sich um und bemerkte, dass Vincent sie glucksend beobachtet hatte. „Du übertreibst gar nicht“, sagte er schlicht.
„Ich, niemals!“, sagte sie, während sie versuchte, die Kleidung im Arm und die Decke über ihren Schultern zu balancieren. Was allerdings gar nicht funktionieren konnte. Die Kleider fielen ihr zuerst aus der Hand, und als sie sich danach bückte, fiel ihr die Decke von den Schultern. „Lach nicht!“, wies sie ihren Mann an, der sich sein Schmunzeln wohl oder übel nun zu verkneifen hatte. Sie gab die Ummantelung in der Decke auf, nahm ihre Klamotten und verschwand damit im Bad.
„Wolle“, stellte Yuffie Vincent ihr Geheimwaffe vor, als sie nach einer heißen Dusche in der Küche auftauchte. Über eine helle Wollstrumpfhose hatte sie eine weitere, transparente Strumpfhose gezogen, so war ihr warm, obwohl sie ganz fein aussah. Ihre ausladenden Mutterhüften hatte sie in einen Bleistiftrock gekleidet, und sowohl unter als auch über ihrer wild gemusterten Bluse trug sie Wolle. Insgesamt befand sie ihre Lösung für wirklich elegant.
„Tee“, sagte Vincent nur, und stellte ihr einen solchen hin, grün, noch leicht dampfend.
„Danke“, sagte sie gerührt.
„Dafür weckst du das Kind“, sagte er trocken.
„Ich hab das gestern schon gemacht!“, wandte sie ein, während sie an der Tasse nippte.
„Das stimmt gar nicht.“ Vincent runzelte die Stirn. Sie überlegte. Es war Montag, ganz offensichtlich hatte sie May nicht am Vortag geweckt.
„Dann am Freitag“, sagte sie daraufhin.
„Ziemlich sicher hab ich sie am Freitag geweckt“, erwiderte Vincent. Yuffie überlegte erneut. Das stimmte wohl.
„Ich will nicht“, sagte sie schließlich.
„Wenn du ein Frühstück kriegen willst, weckst du das Kind“, sagte Vincent schlicht. Yuffie ließ die Schultern sinken. Er kämpfte mit unfairen Mitteln. Sie kippte den noch etwas heißen Tee herunter und wappnete sich. Eine Neunjährige wecken. Um sechs Uhr morgens. Im kalten Winter. Sie hatte schon schwierigere Aufgaben gelöst. Auch wenn ihr gerade keine einfielen. Sie durchquerte die Wohnküche in Richtung des Kinderzimmers. Die Straßen Midgars vor dem Fenster erwachten langsam, doch in der Finsternis leuchteten noch immer die Straßenlaternen. Sie öffnete die Tür zum Kinderzimmer.
May atmete ruhig und tief. Yuffie wagte sich keinen Schritt ins Zimmer. Es war dunkel. Wer wusste schon, worauf sie treten würde. Aber wenn sie einfach das Licht einschaltete, würde das Geschrei groß sein. Was also tun? „Engelchen?“, fragte sie von der Tür in den Raum hinein. Nope, keine Reaktion. Nach einem Erwachsenen hätte sie wenigstens etwas werfen können, aber nicht nach der zarten kleinen Frucht ihres eigenen Leibs. Bei einem Erwachsenen würden aber wohl auch eher keine kleinen Teile herumliegen, auf die draufzutreten schlimmer war als die Wehen. Tja nun. Dann musste sie sich eben vorwärts bewegen, ohne die Füße vom Boden zu heben. Sie kämpfte sich langsam zum Bett ihrer Tochter vor.
„Engelchen“, hauchte sie noch einmal, als sie sich vor das Bett kniete. Immer noch keine Reaktion. Sie legte May eine Hand auf den Arm. „Baby“, sagte sie. Von dem Knäuel vor ihr kam ein leises Meckern. Kontakt war hergestellt. Sie strich dem Kind langsam über den Arm, da verschwand das ganze Gebilde unter der Decke. Großartig. Vincent konnte ihr drohen, ihr die Decke wegzunehmen, aber sie nicht dem Kind.
„Baby, komm da raus“, sagte sie, und sie suchte nach einer Öffnung in dem Bettzeug, um zumindest den Kopf auszugraben.
„Nein“, kam es von irgendwo aus den Tiefen.
„Doch, Schatz“, sagte Yuffie resigniert. „Es führt nichts drum rum, jetzt komm da raus.“ Es waren diese Momente, in denen sie sich wünschte, eine „Du gehorchst mir jetzt gefälligst sofort“-Mutter sein zu können, wie es ihr Vater für sie gewesen war. Stattdessen entschied sie sich, sich komplett den Rücken zu verrenken und sich einfach Kind inklusive Decke auf die Arme zu laden. Das gesamte Konstrukt auf der Hüfte abgelegt, schleppte sie May aus dem Zimmer, wo sie keine Wahl hatte, als das deckenumgebene Kind abzusetzen. Wie die Mutter, so die Tochter, so hieß es doch.
„Pragmatisch“, kommentierte Vincent, am Herd beschäftigt. „Wann ist dem Kind eine Schale gewachsen?“
„Kriegst du sie gepellt?“, fragte Yuffie.
„Ich hab hier alle Hände voll zu tun“, redete er sich raus. Verräter. Also beugte Yuffie sich zu der seltsamen Kreatur herunter und versuchte, die Decke zumindest von oben langsam nach unten zu schälen. Ein zerzauster Kopf mit dunklem Haar kam zum Vorschein. Als würde sie die Geburt noch einmal erleben, mit demselben Schmerz im Rücken, nur dass es sie diesmal nicht zerriss.
„Na, Baby?“, sagte sie, während sie sich vor ihre Tochter hockte. „Geht’s?“ Ein Murren. Sie warf Vincent einen Blick zu. „In dem Alter geben wir ihr noch kein Koffein, oder?“
„Leider nein“, sagte er.
„Hör mal“, sagte sie zu ihrem Baby, „wenn du jetzt brav ins Bad gehst und dich dann von Mami anziehen lässt, kriegst du danach ein süßes Frühstück, das putscht dich schön auf, was sagst du?“ Die roten Augen, die ihre Tochter eindeutig nicht von ihr geerbt hatte, leuchteten auf und sie waren ihr Kind fürs Erste los.
„Du weißt, dass Kinder in dem Alter noch nicht logisch denken, ja?“, schaltete sich Vincent ein.
„Nein, woher?“, entgegnete sie. „Es hat doch geklappt.“
„Und sie kriegt kein ‚süßes Frühstück‘, nur dass das klar ist.“
„Untergräbst du mich nicht?“, fragte Yuffie ungeduldig. Sie fixierte ihn. „Wenn ich wieder da bin, hast du gute Laune, Mister.“ Und sie kehrte zurück ins Kinderzimmer, schaltete diesmal das Licht ein, und legte May warme Klamotten für den Tag raus.
Noch bevor Yuffie die Treppen zu Rufus‘ Büro erklimmen konnte, kam ihr dessen bessere Hälfte entgegen, in einen wunderschönen Hosenanzug in der Farbe von Sonnenblumen gekleidet. Yuffie blieb spontan die Luft weg. „Yuffie!“, sagte Nalia strahlend. Wie konnte sie so mühelos aussehen? „Was macht die Familie?“
„Treibt mich in den Wahnsinn“, antwortete sie prompt. Sie hatte den Frühstückstisch schließlich einfach verlassen, sie fand, sie hatte sich das durch den Kinderdienst verdient. Sollte Vincent aufräumen, was er unordentlich gemacht hatte.
„Ich hatte die Hoffnung, dass du Rufus ein bisschen in den Wahnsinn treibst“, sagte Nalia schulterzuckend.
„Das steht doch so in meinem Vertrag“, sagte Yuffie unschuldig. Ihr gemeinsames Lachen musste die Treppe nach oben tönen. Rufus war also nun vorbereitet, dass seine Diplomatin da war. Yuffie verabschiedete sich von der wunderschönen First Lady und stieg die Treppe empor.
„Fliegender Wechsel“, sagte Rufus augenblicklich. „Du bist ja fast pünktlich.“
Yuffie deutete auf die Treppe hinter sich. „Du warst doch eh bis eben beschäftigt, hätte ich da reinplatzen sollen? – Hätte ich mitmachen sollen?“, fügte sie dann mit einem vielsagenden Blick hinzu.
„Oh Gott, Yuffie“, sagte Rufus, zwei Finger an der Nasenwurzel. „Du bist jetzt – wie lang hier? Eine Minute?“
„Deine Frau schickt mich“, sagte Yuffie strahlend. „Dich in den Wahnsinn zu treiben.“
Rufus seufzte und wies ihr den Weg zum Schreibtisch. „Na, dann komm eben.“
Yuffie (alternativ)
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Seph (Reprise)
Sephiroth schlug die Ausbildungspläne zu. Er saß jetzt seit fast drei Stunden an der geforderten Neuausfertigung, und er war der Meinung, jetzt hatte er es. Und das bedeutete, dass er sich eine Pause für sein zweites Frühstück verdient hatte. Sein „Genesis-Frühstück“, wie er es insgeheim, nur in seinem Kopf nannte. Er schaltete den Bildschirm auf seinem Schreibtisch aus, erhob sich und schloss die Bürotür hinter sich zu, sobald er auf den Flur hinaus getreten war. Der Aufzug trug ihn daraufhin wieder zurück ins Quartier. Er schloss die Tür genau in dem Moment auf, in dem Genesis aus dem Schlafzimmer in Richtung Bad stolperte.
„Hey, Babe“, sagte er, nun gut gelaunt, doch Genesis brummte nur. Offenbar war ihm neun Uhr einfach zu früh. Sephiroth schmunzelte, während er Genesis im Bad verschwinden sah. Genesis würde kurz, aber genüsslich duschen, Hautpflege betreiben und sich um seine Frisur kümmern; dann ins Schlafzimmer zurückkehren und sich ein Outfit für den Tag zusammenstellen. Sephiroth hatte also in etwa vielleicht fünfzehn oder zwanzig Minuten Zeit, aber das passte schon. Er nahm alles Wichtige zur Hand: den großen Topf und die wuchtige Pfanne, Butter, das Kilo-Vollkornbrot vom Bäcker, Avocado, die Packung mit den Eiern und die Reste aus dem Kühlschrank. Den Wasserkocher ließ er auch schon laufen.
Eine Weile später – Genesis war schon seit geraumer Zeit aus der Dusche gestiegen, aber noch nicht aus dem Bad heraus – standen auf dem Tisch Genesis‘ Omelette mit Kartoffeln, Sucuk und Gemüse sowie Sephiroths pochierte Eier mit dem Avocadobrot bereit. Genesis verließ das Bad und lief wortlos zurück ins Schlafzimmer, während Sephiroth nun mit dem Wasserkocher hantierte. Er goss sich selbst einen Grüntee auf, so weit, so einfach. Für Genesis griff er zur French Press. Zwei gehäufte Löffel gemahlenen Kaffee kamen hinein, nicht weniger, aber mehr war auch nicht schlimm, Genesis hatte nichts gegen starken Kaffee, dann das Wasser. Gleichzeitig nahm Sephiroth einen Kaffeefilter aus dem Schrank und steckte ihn in den Keramik-Handfilter, woraufhin er ihn in der Spüle befeuchtete. Mittlerweile, so war er der Meinung, konnte er den Stempel der French Press nach unten drücken. Er wartete ein paar Minuten, in denen er den Filter auf Genesis‘ Tasse stellte. Im Schlafzimmer hörte er den Schrank zugehen. Genesis tauchte gerade in der Küche auf, als Sephiroth den Kaffee durch den Filter in die Tasse goss, ohne dass auch nur ein Partikel Kaffeesatz darin landete. Er grinste Genesis an, nachdem er den Handfilter in der Spüle platziert hatte.
„Ich hab Kaffee für dich“, sagte er stolz. Genesis lehnte sich mit kleinen Augen an Sephiroths Schulter und nahm die Tasse zur Hand. Sie verharrten so, während Genesis nach und nach den Kaffee leerte. Er stellte die Tasse anschließend zurück auf die Anrichte, und Sephiroth legte sie sofort stattdessen in die Spüle. Genesis lachte leise und schmiegte sich in Sephiroths Umarmung. Sephiroth versah jeden Zentimeter von Genesis‘ Gesicht, das er erreichen konnte, mit sanften Küssen: die Stirn, die Schläfe, die Wangenknochen, die Augenbraue, den Kiefer. Schließlich hob Genesis den Kopf von Sephiroths Schulter. „Wach?“
Genesis neigte den Kopf hin und her, was wohl „semi“ heißen sollte.
„Essen?“, fragte Sephiroth dann, und auf Genesis‘ Gesicht kehrte das Leben ein.
„Auf jeden Fall.“
Seph (Reprise)(alternativ)
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Cloud
Argh.“ Jeden Morgen klingelte der verdammte Wecker im Quartier zu früh um 5:30. Er schlug unbarmherzig darauf und griff dann direkt nach seinem Handy daneben. Tifa schickte ihm gerade ein Herz, er antwortete mit einem Blumenstrauß und einem Stern. Ein paar Werbemails wurden ihm angezeigt, die er zur Seite wischte. Er öffnete seine Socials: Ungefähr eine Millionen Benachrichtigungen auf Twitter, die er ganz sicher nicht durchgehen würde. Der Großteil davon war sowieso Unsinn. Auf Instagram schaute er sich ein paar Ausschnitte von Taylor Swifts Auftritt vom Vorabend an, einen schickte er an Sephiroth weiter. Er gähnte. Verdammt. Jetzt hatte er einen Ohrwurm von Blank Space. Bei dem Mann, den Swift da beschrieb, mit suit and tie und allem Drum und Dran, hatte er immer ein bisschen an Rufus denken müssen, auch wenn Rufus‘ money nicht unbedingt new war. Er rollte sich auf die Seite und legte das Handy neben sich aufs Bett. Ain’t it funny rumors lie?
Young and reckless war er aber wohl nicht mehr. Er setzte sich im Bett auf und streckte sich, sein Rücken beschwerte sich laut. Aber da war doch irgendwas mit Starbucks Lovers. Kaffee konnte er jetzt eigentlich auch gut gebrauchen. Er hörte den Aufzug auf der Etage und dann Sephiroths schwere Schritte über den Gang draußen laufen. Sein General kehrte gerade vom morgendlichen Training zurück. Sein Signal. Höchste Zeit, endlich aufzustehen. Mit einem weiteren Gähnen rollte er sich aus dem Bett und kam davor zu stehen, als ob er eine Turnfigur gelandet hätte. Er fand, dafür hatte er auch Applaus verdient.
Mit einem Seufzen schaltete er den Wasserkocher ein, das Handy noch immer in der Hand. Was soll’s, dachte er schulterzuckend. Das beste Mittel gegen einen Ohrwurm war es immerhin, den Song zu spielen. Er steckte sich die Kopfhörer in die Ohren und suchte den Song auf seinem Streamingdienst heraus. Dann brach er eben seine perfekte Hard-Rock-Serie. Es würde ihm schon nicht den Musik-Jahresrückblick verderben. Und der Song machte Laune, das musste er ihr lassen. Mit pain und torture kannte er sich immerhin aus. Er nahm eine Tasse zur Hand und füllte gemahlenen Kaffee hinein, sein Kopf nickte im Takt. Er stellte den Song kurzerhand auf Repeat.
Himmel, diese Frau ist dramatisch, schoss es ihm durch den Kopf, als sie anfing, von nasty scars zu singen. Er kippte das kochende Wasser über den Kaffee, in Gedanken bei Sephiroths von Narben übersätem Körper. Da war die Verbindung zwischen den beiden. Deswegen gehörte Sephiroth zu diesem verschworenen Kult der Swifties. Wobei Shake It Off und Co. ja eigentlich gar nicht sein Fall waren. Cloud fielen Sephiroths Lieblingssongs aber auch beim besten Willen nicht mehr ein. Erst mal Kaffee, dachte er daher bei sich. Der Kaffeesatz legte sich allmählich, und Cloud wartete nur noch darauf, dass das Wasser genug abkühlte, um getrunken zu werden.
Wozu warten, dachte er sich dann aber eine Sekunde später, und kippte einfach ein bisschen kaltes Wasser hinterher, bis die Tasse fast überlief. Er schlürfte etwas davon ab, dann setzte er sich mit der Tasse an den Tisch. Viertel nach sechs. Sephiroth war wieder zu hören, wie er den Gang entlang lief, diesmal zurück in Richtung Aufzug. Der Bürotag des Generals begann früh. Cloud nippte an seinem Kaffee, die Lebensgeister erwachten langsam. Er schaltete die Musik aus, legte die Kopfhörer auf den Tisch, wobei er darauf achtete, das Kabel nicht zu verknoten. Es war Zeit für Facetime mit seinen Kindern zu Hause am Stadtrand, bevor sie zur Schule aufbrachen.
Auf der anderen Seite empfing ihn allerdings erst mal Gebrüll. Das Gesicht mit einer leicht erhobenen Augenbraue eingefroren, nahm Cloud einfach einen weiteren Schluck Kaffee. Er wusste ja, wie gern sich seine Kinder hatten. Teenager halt. Pubertät nannte man das. „Ähm?“, fragte er dann aber doch in das Chaos. Wollte sich irgendjemand mit ihm beschäftigen oder war er nur schmückendes Beiwerk? Er hatte Kaffeesatz auf der Zunge. Seufzend erschien Tifa im Bild.
„Ich weiß auch nicht, was es diesmal ist“, sagte sie ohne Umschweife.
„War irgendjemand zu lange im Bad?“, schlug er vor.
„Ich glaub, es ging um irgendein Spiel“, mutmaßte Tifa. Sie wandte sich an ihre Kinder. „Wollt ihr mit eurem Vater reden?“
„Papa!“, rief Lizzy sofort. „Sag doch bitte Andrew –“
„Nein, sag doch vielmehr Felicity –“
„Nein, und es reicht jetzt, vertragt euch“, sagte er schlicht, und beide Kinder verstummten sofort. „Gut. Lizzy, hast du denn gestern noch dein Referat fertiggekriegt?“
„Jaaaaa“, sagte Lizzy, und von der Art allein, wie sie ihn nicht anschauen wollte, wusste er die Wahrheit.
„Und warum lügst du Papa an?“
„Es ist fast fertig, ok?“
„Und kannst du ein fast fertiges Referat vorstellen?“
„Nein“, gab sie zu.
„Gut, dass wir das geklärt haben. Großer, was hast du verzapft?“
„Gar nichts!“, sagte Andy sofort.
„Und es ist noch nicht mal halb sieben und ihr brüllt euch an, weil ...?“
„Wegen gar nichts ...“, wiederholte Andy, und Cloud nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Irgendwo aus den Tiefen seines Bewusstseins drang die Zeile Damn, it’s seven a. m. hervor. Wenigstens schämten sie sich ordentlich. Und er war mal wieder Vater des Jahres, das fühlte er in den Knochen.
„Sonst so?“, fragte er versöhnlich.
„Die bestimmen heute, wer die Leadgitarre für die Aufführung spielt“, sagte Andy sofort. Das hatte Cloud natürlich noch im Kopf.
„Und wenn sie finden, dass du gut genug warst, wird die Wahl auf dich fallen“, sagte er nüchtern. „Und wenn nicht, dann hast du alles in deiner Macht Stehende getan, du hast Tag und Nacht geübt und niemand kann dir nehmen, was du gelernt hast. Ok?“
„Ja ...“, sagte Andy, und Cloud war sich nicht sicher, dass bei seinem Sohn angekommen war, was er gesagt hatte. Wie sollte man einen Teenager auf eine mögliche Enttäuschung vorbereiten? Ihm fiel etwas ein.
„Sonst kannst du dir einfach was bei Taylor Swift abschauen, hast du gesehen, was sie gestern auf die Beine gestellt hat?“
Andys Augen fingen an zu strahlen. „Oh mein Gott, ja! Hast du dir den ganzen Auftritt angeschaut? Ich wusste nicht, dass ich so viele Songs von ihr kenne.“
„Kinder“, sagte er lachend, mehr zu Tifa als den andern beiden. „Sie geben einem so viel. Zum Beispiel das Gefühl, uralt zu sein.“
„Macht euch jetzt mal fertig“, sagte Tifa, um die Kinder wegzuschicken.
„Was frühstücken sie mittlerweile eigentlich?“, fragte er. Kannte er seine Kinder wirklich, wenn er nicht jedes Detail über ihr Leben kannte?
„Sie hören nicht auf mich, dass sie was Ordentliches essen sollen“, sagte Tifa augenrollend. „Aber sie kaufen die Cornflakes, die sie vernichten, wenigstens selbst von ihrem eigenen Taschengeld. Zuckersteuer, quasi.“ Sie prusteten.
„Ich meld mich später wieder“, sagte er, „ich muss auch erst mal was essen.“ Sie warf ihm eine Kusshand zu und er legte mit einem Lächeln auf. Cornflakes waren es zwar nicht, aber ein wenig süß startete er auch in den Tag. Er leerte den Kaffee nicht ganz, stellte die verschlammte Tasse in die Spüle und nahm sich eine weitere Tasse, in der er ein Ei mit ein wenig Milch und einer Zimt-Zucker-Mischung verquirlte. Anschließend nahm er altbackenes Brot aus dem Schrank, das er zerriss und mit einem Löffel in die Eimischung tunkte. Das kam in die Mikrowelle, während er eine Pfanne auf den Herd stellte und sich ein großzügiges Rührei mit Tomaten dazu briet. Und als er am Tisch vor beidem saß und sich Andys und Lizzys Schulleistungen noch mal vor Augen führte, befand er, dass Tifa und er doch einen ganz guten Job machten und die beiden Kinder vollkommen in Ordnung geraten waren, Streit um sechs Uhr morgens hin oder her. Der ultimative Geniestreich aber, überlegte er, und er schob den leeren Teller von sich, war es gewesen, die beiden auf unterschiedliche Schulen zu schicken.
Cloud (alternativ)
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Epilog A und B
A/regulär:
„Ich hab heute ein absolutes Eltern-Highlight erreicht“, gestand Yuffie Cloud in der Teeküche. Die Sonne war endlich aufgegangen und erhellte den Raum. Als sie ihm über zwei dampfenden Tassen erzählte, wie sie ihre Tochter aus dem Bett hatte tragen müssen, weil die nicht aufstehen wollte, schüttete sich Cloud aus vor Lachen.
„Ich glaub, so weit ist es bei uns nie gekommen“, brachte er atemlos hervor.
„Ich bin nicht wie du!“, sagte Yuffie zu ihrer Verteidigung. „Ich kann nicht einfach befehlen!“
„Was machst du erst, wenn sie zur Teenagerin wird?“, machte er sich weiter über sie lustig. Yuffie verzog das Gesicht.
„Ich will schon die Neunjährige nicht noch mal tragen“, sagte sie, eine Hand an ihrem unteren Rücken, wo die Anstrengung immer noch wehtat. Da kamen Sephiroth und Rufus höchstpersönlich zur Tür herein.
„Was ist hier los?“, fragte Sephiroth, offenbar irritiert über den amüsierten Cloud.
„Erzähl“, forderte Cloud sie auf.
„Nein“, sagte sie kleinlaut. Sephiroth schaltete den Wasserkocher noch einmal an, um sich einen Grüntee aufzugießen.
„Was ist jetzt schon wieder?“, fragte Rufus sie, während er sich zur ihr setzte.
„Alle sind gemein zu mir!“, jammerte sie prompt.
„Du kannst ja mal überlegen, woran das liegt“, schlug Rufus vor.
„Rufus, gefällt dir deine Nase eigentlich so, wie sie ist?“, fragte sie ihn. Er rückte ein Stück von ihr ab. Als Sephiroth sich mit einer Tasse zu ihnen setzte, pingte Clouds Handy.
„Ha!“, sagte er, als er drauf guckte. „Andy hat die Leadgitarre gekriegt!“
„Na, war doch klar!“, sagte Yuffie sofort. So wie der Junge sich ins Zeug gelegt hatte.
„Was weiß ich“, entgegnete Cloud schulterzuckend. „Ich kenn ja die andern nicht, die vorgespielt haben.“
„Das, wofür er, Zitat, Tag und Nacht geübt hat?“, hakte Sephiroth nach.
„Ja, das“, sagte Cloud zerknirscht. „Musiker-Kinder sind ein wahrer Segen ...“
„Seph“, meldete sich Rufus, „Nalia hat mir da was von Taylor Swift erzählt ...“
„Oh mein Gott, ich hab’s mitbekommen, ist gut jetzt“, sagte Sephiroth.
„Du hast gar nicht auf meine Nachricht geantwortet“, warf Cloud ein.
„Kinder“, sagte Sephiroth, und der Raum begann förmlich zu beben, „ich bin ja ein friedliebender Mensch, aber ...“
B/Epilog der alternativen Kapitel:
„Was ist mit euch los?“, fragte Sephiroth, als er mit Rufus die Teeküche betrat und Yuffie und Cloud nur wortlos gegeneinander gesunken vorfand.
„Meine Exfrau ist still, ich verbuche das als Gewinn“, kommentierte Rufus nur, der sich seinen beiden verschlafenen Angestellten gegenüber setzte. Nicht einmal Yuffie fand noch die Motivation ihm zu widersprechen. Sie gähnte an Clouds Schulter gelehnt.
„Wenn ich es mir recht überlege“, setzte Rufus dann jedoch erneut an, als sich Sephiroth mit einem Grüntee zu ihm setzte, „gibt es nur einen Grund für diese Art von Stille.“
„Schuldig, schätz ich“, gab Yuffie zu und streckte sich unter erneutem Gähnen.
„Aber ihr habt nicht – miteinander ...“, fragte Rufus, und sofort stürmten drei erzürnte Stimmen auf ihn ein: „Rufus, welches Jahr haben wir?!“ – „Soll ich den Bären holen?!“ – „Ich dachte, wir hätten das hinter uns gelassen!“
Rufus hob beide Hände. „Ganz ruhig“, sagte er, „ich hab nicht richtig nachgedacht, ok?“
Nach einem Moment, in dem alle drei innehielten, sanken zumindest Cloud und Yuffie wieder aufs Sofa zurück. „Ich ertrag das nicht noch mal“, sagte Sephiroth kopfschüttelnd.
„Seph, ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll“, sagte Rufus verschmitzt lächelnd von der Seite, „aber ... you need to calm down.“
Yuffie gluckste, die Augen noch immer so gut wie geschlossen. „Mutig von dir, dich freiwillig mit einem Swiftie anzulegen“, sagte sie gähnend. Aber Sephiroth konnte schon seine eigenen Schlachten schlagen. Sie für ihren Teil war zufrieden. Sie sank tiefer an Clouds Schulter und sog seinen Duft nach Duschgel ein. Wie Sephiroth dann – zweifellos mit einem Swift-Zitat, so wie sein Mann mit LOVELESS-Zitaten um sich warf – auf Rufus antwortete, hörte sie schon gar nicht mehr.