Im Miasma-Tal
„Weaver, bestätige bitte deine Position.“
Das Knacken, das diesen Kristallspruch begleitete, kannte sie bereits zur Genüge, aber noch immer klang es unangenehm in ihren Ohren, weswegen sie einen kurzen Moment lang die Augen zusammenkniff. Erst einen Augenblick danach konnte sie die Hand heben und diese auf den kristallinen Knopf legen, der in ihrem Ohr steckte. Sie hörte ein leises Knistern, das ihr verriet, dass der Kanal offen war, ehe sie endlich antwortete: „Ich bin am Zielort angekommen. Bislang sieht es gut aus. Nirgends ist Miasma zu entdecken.“
Wenn sie den Blick schweifen ließ, entdeckte sie, soweit das Auge reichte, nur eine freie Prärie. Die vereinzelten in die Luft stehenden Grashalme waren kristallisiert und zerbrachen, sobald man auf sie trat, weswegen Garnett sich lieber von ihnen fernhielt.
Sie strich sich das lange schwarze Haar aus der Stirn, damit nichts ihren Blick behinderte. Ihre grün-blauen Augen musterten alles ganz genau, damit niemand sie würde überfallen können, aber es war ohnehin keine Menschenseele zu sehen, sie war vollkommen allein hier.
Vor nicht allzulanger Zeit war dieses Gebiet immerhin noch vollkommen unzugänglich gewesen aufgrund des dichten Miasma, das bei den meisten Lebewesen zum Tod führte. Aber eine geradezu göttliche Fügung hatte das giftige Gas schwinden lassen und nun war es ihnen möglich, das Gebiet zu erkunden.
Es knackte ihn ihren Ohren, als das Hauptquartier ihr antwortete: „Bewege dich so weit wie möglich vor, aber achte darauf, dich nicht in Gefahr zu begeben. Kehr sofort um, wenn du merkst, dass es gefährlich wird.“
Sie war sich nicht sicher, ob sie über seine Besorgnis gerührt oder amüsiert sein sollte, entschied sich dann aber für Ernsthaftigkeit, da er ihr bereits mitgeteilt hatte, wie wichtig diese Mission für ihn war. „Keine Sorge, ich werde auf mich achten.“
Es gab kein weiteres Knacken, der Kanal war wieder geschlossen und sie vorerst auf sich allein gestellt, was ihr nur recht sein konnte, so gab es immerhin nichts, was sie ablenken könnte.
Mit der Vorkriegskarte des Gebiets im Kopf, machte sie sich auf den Weg durch die Prärie, um ihr eigentliches Ziel zu erreichen. Es war dem Luftschiff nicht möglich gewesen, sie dort direkt abzusetzen, auch wenn sie die Einzelheiten nicht verstanden hatte, aber der Weg sah auf der Karte ohnehin nicht sonderlich weit aus – und genau wie sie erwartet hatte, war sie schon nach etwas weniger als einer Stunde am richtigen Zielort angekommen.
Inmitten eines Felsmassiv war ein riesiger Tempel zu sehen, der seine besten Zeiten längst hinter sich hatte. Abgesehen von den einfachen Säulen gab es keinerlei Verzierungen, keine Statuen, keine Symbole, die darauf hindeuten könnten, zu welcher Dynastie man diesen zuordnen könnte – aber das war im Moment auch nicht weiter wichtig.
Sie betrat das Innere des Tempels, eine Arbeit, die keiner sonst aus der Organisation tun wollte, da jeder diese Exkursionen als unheimlich befand, während sie keinerlei Probleme damit verspürte.
Der riesige Vorraum war gefüllt mit kristallinen Statuen, deren Form entfernt an die von Menschen erinnerte. Garnett schüttelte mit dem Kopf. „Wie traurig...“
Sie mussten allesamt vom Miasma überrascht worden sein, ohne jede Möglichkeit zu fliehen. Rasch setzte sie ihren Weg fort, ehe sie sich von der traurigen Stimmung überwältigen lassen würde und strebte ins Innere des Tempels.
Durch das Miasma gab es keinerlei Leben, das sie daran hindern könnte, das Herz des Heiligtums aufzusuchen und da niemand damit gerechnet hatte, dass die Wachen eines Tages ausfallen würden, gab es auch keinerlei Fallen, die ihre entschlossenen Schritte bremsten.
Lediglich die verwinkelten Gänge, die oftmals in Sackgassen endeten, testeten wiederholt ihre Geduld, aber ihrem vorzüglichen Orientierungssinn verdankte sie es, dass sie schließlich doch noch im Herzen des Tempels angekommen war und dort zufrieden das betrachten konnte, wonach sie die ganze Zeit gesucht hatte.
Die Plattform, auf der sie stand, befand sich auf derselben Höhe wie die Brust des Dings. Während der Großteil davon aus Metall war, bestand der Brustkorb aus einem goldenen Juwel, das einen interessanten Schimmer in sich trug. Der Kopf thronte majestätisch auf dem Rumpf, die Augen waren dunkel und leblos. Wenn Garnett über die Plattform hinabspähte, entdeckte sie nur Dunkelheit, statt den weiteren Körper, weswegen sie die Größe nicht abschätzen konnte. Aber immerhin entdeckte sie auch keinerlei Beschädigungen.
Sie legte eine Hand auf den kristallinen Knopf in ihrem Ohr. „Caleb, du kannst das Bergungsteam schicken. Ich habe den Golem gefunden.“
Das darauffolgende Knacken ließ sie wieder einmal erst das Gesicht verziehen, aber immerhin bekam sie sofort eine Antwort, die aus einer Gegenfrage bestand: „In welchem Zustand befindet er sich?“
Garnett ließ erneut ihren Blick an dem riesigen Golem hinauf und hinabwandern, ehe sie schmunzelnd antwortete: „In einem geradezu perfekten – und er wartet nur darauf zu kämpfen.“
Das Geheimnis der Heiligen Stätte
Als die Tür hinter ihr zufiel, hallte der laute Knall durch das gesamte Kirchenschiff. Ihr erschrockener Schrei ging im Widerhall unter, zumindest würde so niemand bemerken, dass sie da war – auch wenn ohnehin niemand außer ihr anwesend zu sein schien.
Eine geradezu ehrfürchtige Stille erfüllte die Kirche, nachdem der Knall verklungen war. Irgendwo, hoch oben im Dachgebälk, glaubte sie, immer noch einen Nachhall vernehmen zu können, aber es war gut möglich, dass sie sich das nur einbildete, weil sie glaubte, dass es so sein müsste.
An den Wänden hingen in unregelmäßigen Abständen blutrote Wandteppiche auf denen das silberne Emblem in Form eines Drachenkopfes abgebildet war, die dunklen Holzbänke, die mit weinrotem Polster besetzt waren, standen verlassen da, genau wie der Altar auf dem Podest am anderen Ende des Gebäudes. Dahinter befand sich ein eindrucksvolles Wandbild, das ein Schlachtfeld zeigte – und inmitten all der Soldaten ragte der Leib eines Drachen hervor. Der Körper war mit rubinroten, glühenden Schuppen übersät, die grünen Augen schienen regelrecht zu leuchten und der Maler hatte es sogar geschafft, die ausgebreiteten Schwingen transparent erscheinen zu lassen, so dass sie zahlreichen Sterne des Himmels dahinter durchschienen.
Sie sah dieses Bild das erste Mal und konnte so in diesem Moment nur erstarrt staunen, um all die kleinen Details abseits des Drachen – der Maler hatte sogar an die erstaunten Gesichter der Soldaten gedacht, ein anderer war sogar auf die Knie gefallen, um zu beten und wieder ein anderer griff sich an die Brust – in sich aufzunehmen.
Erst mehrere Sekunden später, fiel ihr schlagartig wieder ein, weswegen sie überhaupt in diese Kirche gekommen war, die sie eigentlich gar nicht betreten dürfte. Ihr Blick huschte durch den ganzen Raum, aber nirgends entdeckte sie eine Spur des jungen Mannes, der sie erst angerempelt, ihr dann ihre Posttasche gestohlen und damit in die Flucht in diese Kirche eingeschlagen hatte.
Leise seufzend schüttelte sie mit dem Kopf, wischte sich eine rotblonde Strähne aus der Stirn und drehte sich um, damit sie die Tür öffnen und wieder hinausgehen könnte, ehe sie erwischt werden würde – doch die Tür gab nicht nach.
Sie konnte die Klinke niederdrücken, sie konnte ziehen oder drücken, aber die Tür öffnete sich ihr nicht mehr. Als sie zurücktrat und den Blick schweifen ließ, stellte sie fest, dass mehrere Kabel von der Tür wegführten und an der nächsten Ecke in der Wand verschwand, um dort weiterzulaufen. Sie war elektronisch verschlossen, sie konnte nicht mehr hinaus, aber wie war sie überhaupt hereingekommen?
Dieser Mann, der vor ihr hereingekommen war, hatte die Tür geöffnet, das war deutlich zu sehen gewesen, vielleicht besaß er einen Schlüssel. Das müsste sie herausfinden, indem sie ihn weiterverfolgte.
Zu diesem Zweck schritt sie durch das Kirchenschiff, an den Bänken entlang, die verlassen und auch einsam wirkten, so als wünschten sie sich, dass jemand sich auf sie setzen und ihnen Gesellschaft leisten würde. Sie widerstand der Versuchung, auch wenn sie glaubte, dass jede Reihe, die sie hinter sich ließ, ihren Namen rief, mit wachsender Verzweiflung, als würde sie die nicht vorhandenen Arme nach ihr ausstrecken wollen.
Doch wann immer sie sich umdrehte, verstummten die Stimmen und ihr wurde bewusst, was für eine unsinnige Annahme es gewesen war. Sie versuchte, zu lachen, aber nur ein Krächzen kam über ihre Lippen.
Eilig lief sie weiter, um diesen Raum endlich hinter sich zu lassen. Je näher sie dem Wandgemälde kam, desto deutlicher erkannte sie, dass das Glitzern nicht daher rührte, dass der Maler eine seltene Farbe oder gar Edelsteine verwendet hatte. Vielmehr waren die entsprechenden Stellen mit Buntglas besetzt und ließen das Licht einfallen, weswegen es so aussah, als würde alles glitzern.
„Wie schön“, entfuhr es ihr leise, als sie direkt vor dem Bild wieder stehenblieb.
Sie konnte nicht widerstehen, die Hand auszustrecken, doch noch ehe sie es berühren konnte-
„Elaine...“
Die tiefe Stimme, die ihren Namen flüsterte, ließ sie augenblicklich zusammenzucken und zurückweichen. Sie fürchtete bereits, erwischt worden zu sein, aber als sie sich umsah, entdeckte sie immer noch niemanden. Dafür fiel ihr Blick auf eine Tür, die sie zuvor nicht hatte sehen können, da sie hinter einem Wandteppich verborgen gewesen war. Dieser wurde von einem kaum merkbaren Windstoß, dessen Ursprung sie nicht entdecken konnte, ein wenig bewegt, so dass sie die Tür sehen konnte.
Das, in Verbindung mit der mysteriösen Stimme, die ihren Namen kannte, sagte ihr, dass es eine furchtbar schlechte Idee war, dem Ganzen nachzugehen. Was immer hier vorging, würde jede Menge Ärger nach sich ziehen, so viel war ihr klar – aber dennoch blieb ihr keine andere Alternative. Das einzige, was ihr noch einfiel war, sich hinzusetzen und darauf zu warten, dass jemand vorbeikam, der sie entdeckte und sie dafür rügte, dass sie diese Kirche betreten hatte, obwohl sie das eigentlich gar nicht dürfte. Das war keine sonderlich angenehme Aussicht, genausowenig wie in dieser angespannten Atmosphäre auszuharren, also beschloss sie, lieber der Stimme zu folgen, in der Hoffnung, dass es nicht gefährlich werden würde.
Die Tür war tatsächlich nicht verschlossen, führte jedoch in einen Gang, der stetig nach unten verlief und von dem keine weiteren Türen abgingen, die sie in andere Räume bringen könnten. Nur zögernd trat sie hindurch und zuckte wieder erschrocken zusammen, als zum zweiten Mal an diesem Tag etwas hinter ihr ins Schloss fiel. Ein kurzes Rütteln bestätigte sie darin, dass nun auch diese Tür verschlossen war, was sie mit einem leisen Seufzen quittierte.
Wie auch immer das passieren konnte... was ist hier nur los?
Bis vor wenigen Minuten war sie noch eine normale Briefträgerin in Nersrose, der Hauptstadt von Epermia, gewesen und war ihrer Arbeit nachgegangen – und nun befand sie sich in einem finsteren Gang, der sie in den Keller der Kirche führen würde. Sie vermisste ihr normales Leben bereits.
Da sie keinen anderen Weg mehr hatte, lief sie weiter, wobei jeder ihrer Schritte von einem unheimlichen Widerhall begleitet wurde, so dass es klang, als würde jemand vor und hinter ihr laufen, was sie nicht gerade mit Zuversicht erfüllte. Zumindest herrschte nicht völlige Dunkelheit im Gang, denn an den Wänden waren elektrische Kerzenhalter angebracht, die trübes, farbloses Licht verbreiteten. Womit genau sie betrieben wurden, wusste niemand so genau. Die Kirche Ners, die über Epermia herrschte, besaß einfach Energiequellen, aber niemand außer ihren Mitgliedern wusste genau, was es damit auf sich hatte. Doch wenn sie es richtig sah, würde sie ebenfalls bald wissen, worum es sich bei dieser Quelle handelte, obwohl sie das nicht einmal wollte.
Wie lange sie in diesem Gang war, konnte sie nicht sagen. Ihre einzige Uhr, anhand derer sie sich orientierte, war normalerweise die Kirchturmuhr, aber von der bekam sie selbstverständlich nicht viel mit, wenn sie sich unterhalb des Gebäudes befand. Ihrer inneren Uhr konnte sie jedenfalls nicht vertrauen, denn diese redete ihr ein, dass sie sich bereits seit Stunden an diesem Ort aufhielt, obwohl sie realistisch gesehen nicht einmal mit dreißig Minuten rechnete. Aber da sich nichts an ihrer Umgebung änderte, war es auch gut möglich, dass sie sich einfach täuschte.
Doch schließlich – als sie sich bereits wieder zahlreiche Märchen in Erinnerung rief, in denen sich Mädchen in unendlichen Gängen wiederfanden und dort irgendwann sterben – kam sie an eine Tür.
Im ersten Moment blieb sie einfach nur stehen und blickte das schmucklose, abgenutzte Holz einfach nur an, als könnte sie es gar nicht glauben, eine solche nun gefunden zu haben. Aber was sie davon abhielt weiterzugehen, war die pure Energie, die sie jenseits davon spürte. Etwas Erhabenes, Altes befand sich dahinter und sie fürchtete sich davor, ihm ins Angesicht zu blicken.
„Elaine...“
Wieder diese Stimme und wieder hatte sie dieses Gefühl, dass jemand nach ihr zu greifen versuchte und dieses Mal verschwand es auch nicht, als sie sich umsah. Das Gefühl, dass sie nicht allein war, blieb und wollte sie einfach nicht mehr verlassen.
Ihr blieb also nur noch eine einzige Alternative und diese bestand darin, durch diese Tür zu gehen. Sie atmete noch einmal tief durch und ging dann hindurch, nur um noch einmal stehenzubleiben, diesmal aber eher aus Erstaunen.
Zuvor war sie durch einen Gang gelaufen mit steinernen Wänden, aber nun befand sie sich in einem Raum, dessen Wände mit Metall verkleidet waren. Kompliziert aussehende Anlagen, deren Sinn sich ihr nicht erschlossen, waren ihr gegenüber aufgebaut, auf den Bildschirmen – die von der Kirche auch auf dem Hauptplatz verwendet wurden, um Ansagen zu übermitteln – blinkten Symbole, die sie genausowenig verstand.
Immerhin war das weiße, viel zu helle Licht, grell genug, damit es keine dunklen Ecken gab, vor denen sie sich fürchten müsste, während sie sich umherbewegte.
„Das ist ziemlich viel Elektronik für eine Kirche“, überlegte sie murmelnd. „Was machen sie hier unten nur?“
Ihr fiel keine Erklärung dafür ein, egal wie sehr sie sich das Hirn zu zermartern versuchte. Aber vielleicht stimmte es auch, was alle sagten und sie war einfach nicht sonderlich begabt im kognitiven Bereich. Deswegen versuchte sie, das zu ignorieren und lief eilig auf die nächste Tür zu, die sich hier befand – und zu der auch zahlreiche Kabel führten, die an den Wänden verliefen.
Woraus immer die Energiequelle bestand, sie befand sich mit ziemlicher Sicherheit hinter dieser Tür und wenn sie diese nun öffnete, gab es keinerlei Zurück mehr. Sobald sie wusste, worum es sich befand, würde sie vermutlich zum Feind der Kirche werden, ohne das überhaupt zu wollen.
Aber sie war auch nicht daran interessiert, dieses drängende Gefühl noch einmal zu verspüren, weswegen sie die Tür doch öffnete, noch bevor die Stimme sie wieder ermahnen konnte.
Der Raum jenseits der elektrischen Anlage war nicht nur wieder dunkel, er war auch wesentlich weiter, fast so als befände sie sich in einer Höhle, so klang es jedenfalls, als sie wenige Schritte lief und dem Widerhall lauschte.
Aus Ermangelung eines sichtbaren Weges lief sie einfach geradeaus, mit langsamen Schritten, um den Boden immer erst abzutasten, ehe sie den Fuß richtig aufsetzte, damit sie nicht plötzlich in einen Abgrund stürzen würde.
Wieder wusste sie nicht, wie lange sie bereits gelaufen war, als sie eine plötzliche Bewegung vor sich wahrnehmen konnte. Sie überlegte gerade, ob sie vielleicht versuchen wollte auszuweichen, obwohl sie nicht einmal wusste, welcher Bedrohung sie sich überhaupt gegenübersah, da ertönte ein lautes Grollen und im nächsten Augenblick erhellte Licht den Raum.
Es war keine Lampe, die es ausstrahlte, sondern vielmehr der riesige Leib eines wahrhaftigen Drachen. Unter den roten Schuppen glühte ein helles, goldenes Licht, das zwischen ihnen hindurchschien und damit den Raum genügend illuminierte, um das Wesen zu erkennen. Es sah aus wie jenes von dem Wandbild, nur... älter. Die Flügel hingen schlaff herab, als wären sie verwelkt, einige der Zähne im Gebiss fehlten bereits und die grünen Augen blickten nur noch trübe. Alles in allem machte er keinen sonderlich furchterregenden Eindruck mehr, vielmehr einen, der Mitleid in ihr weckte.
Deswegen konnte sie nicht anders, als die Hand auszustrecken, um ihn zu berühren und ihn mit einem sanften Streicheln zu beruhigen, aber sofort hielt sie wieder inne, noch bevor sie überhaupt in seine Nähe gekommen war. Auch ohne all seine Zähne und ohne den Blick eines Jägers war er gefährlich, das wusste sie und deswegen musste sie aufpassen, wenn ihr an der Unversehrtheit ihres Körpers gelegen war – und das war ihr durchaus.
Die Augen des Drachen waren fest auf sie gerichtet, als würde er direkt in ihre Seele hineinzublicken versuchen, auch wenn sie ohnehin überzeugt war, dass es dort nichts zu finden gäbe, weswegen all seine Versuche umsonst waren. Aber sie wies ihn nicht darauf hin, ihre Zunge schien an ihrem Gaumen feszukleben.
„Elaine...“
Diesmal erklang die Stimme nicht nur in ihren Gedanken, stattdessen schien sie direkt aus der Kehle des Drachen zu kommen, der sie nach wie vor anstarrte. „Endlich bist du gekommen. So lange habe ich schon auf dich gewartet.“
Sie deutete ein Kopfschütteln an, um zu zeigen, dass sie wirklich absolut keine Ahnung hatte, wovon er eigentlich redete, damit sie eine Erklärung bekam. Doch er enttäuschte sie sofort: „Mir bleibt nicht mehr viel Zeit, deswegen...“
Ein heller Lichtstrahl schoss aus seinem geöffneten Maul und traf direkt auf ihre Brust, in der sich augenblicklich ein schmerzhaftes Brennen auszubreiten begann. Alles in ihrem Inneren zog sich zusammen, in einem Versuch, der Pein zu entgehen, doch es gelang ihr nicht im Mindesten. Ein klagender Laut entkam ihrer Kehle und hallte derart laut wider, dass sie selbst darüber erschrocken zusammenzuckte.
Der Strahl brach urplötzlich ab und mit ihm schwand das Brennen, eine betäubende Agonie zurücklassend, die ihr das Atmen erschwerte, sie in die Knie gehen und ihren Blick verschwimmen ließ. „W-was war das?“
Doch sie bekam keine Antwort auf ihre Frage. Der Drache stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus, warf den Kopf in die Luft – und war im nächsten Moment komplett versteinert.
Ungläubig konnte sie die Statue nur anstarren, bis auch das letzte bisschen Kraft ihren Körper verließ und sie das Bewusstsein verlor. Sie spürte den Aufprall auf den Boden bereits nicht mehr, fühlte sich dafür aber sicher, eingehüllt in die Umarmung der Dunkelheit, die sie umschlang, ohne die Absicht, sie jemals wieder loszulassen – und hätte sie gewusst, was ihr noch bevorstand, wäre sie dem vielleicht nicht einmal so abgeneigt gewesen.
Im Kerker
Als sie langsam wieder zu sich kam, spürte sie rasch, dass sie nicht mehr in der Höhle war. Eine kratzige, unangenehm klamme Decke war über ihrem Körper ausgebreitet, unter ihr befand sich eine harte Holz-Unterlage. Die Luft war anders, stickiger, von Verzweiflung durchzogen... ja, sie konnte regelrecht spüren, dass dies ein schlechter Ort war, gefüllt mit Reue, Hass und auch Trauer. Noch nie zuvor war sie an einem Ort mit einer solchen Energie gewesen, so dass selbst sie diese spüren konnte – und vor allem war sie noch nie an einem Ort, der derart unangenehm nach menschlichen Ausscheidungen gerochen hatte. Sie wollte nicht einmal damit anfangen, zu überlegen, aus welchen einzelnen Komponenten dieser Gestank bestehen könnte und öffnete lieber die Augen, um herauszufinden, wo sie sich befand.
Die schweren Eisengitter verrieten ihr sofort, dass sie sich in einem Kerker befand, noch dazu einem, der unter der Erde war. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die natürlichen Wände mit Mauern zu verkleiden, so dass man die ungeraden, scharfkantigen Felsen sehen konnte.
Elaine schauderte, als sie einen Topf entdeckte, aus dem einige der unangenehmen Gerüche strömten und wandten sich lieber wieder den Gittern zu, um sich jenseits ihrer Zelle umzusehen und sich dabei zu fragen, warum sie im Gefängnis saß. Sie hoffte, dass es sich dabei um ein Versehen handelte, weil sie unterhalb der Kirche aufgegriffen worden war und man sie rasch wieder entlassen würde, sobald man sie erst einmal befragt hatte.
Die anderen Zellen, die sie von ihrer aus sehen konnte, waren leer, aber von irgendwo erklang ein leises Seufzen, das ihr verriet, dass sie nicht vollkommen allein war. Dennoch verspürte sie nicht den Wunsch, herauszufinden, wer diese andere Person war und beschloss, zu schweigen.
Ohnehin konnte sie sich nicht vorstellen, dass es sich hierbei um den gewöhnlichen Kerker handelte, in dem Verbrecher eingesperrt wurden. Immerhin kam sie oft genug an dem Gebäude vorbei, in dem auch die Ordnungshüter stationiert waren und deren Zellen besaßen Fenster. Also musste dies ein anderer Kerker sein – und unter diesen Umständen fürchtete sie sich sogar ein wenig davor, herauszufinden, wer die anderen Gefangenen waren.
Sie schob die Decke von sich herunter, schwang die Beine von der hölzernen Pritsche, den Blick weiter auf das Gitter gerichtet, in der Hoffnung, dass bald jemand kommen würde.
Während dieser Zeit versuchte sie, sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, was geschehen war. Sie war dem Dieb ihrer Tasche in die Kirche gefolgt, hatte dort einen unterirdischen Gang entdeckt und war einem Drachen begegnet, der... irgendetwas mit ihr angestellt hatte. Mit neu erwachter Besorgnis griff sie sich an die Brust, dort, wo der Strahl aufgetroffen war, aber nichts war mehr zu spüren. Verletzt worden war sie also immerhin nicht.
Je länger sie so dasaß und sich alles immer wieder ins Gedächtnis rief, desto mehr zog sich ihr Innerstes zusammen, weil sie nervös wurde. Was, wenn niemand kam, um sie zu holen? Wenn man Leute hier einfach in den Kerker steckte und dann den Schlüssel wegwarf?
Doch ehe sich Panik in ihr ausbreiten konnte, hörte sie Schritte und im nächsten Moment traten zwei Soldaten vor ihre Zelle. Die leichten Rüstungen bestanden lediglich aus Brustpanzern, Arm- und Schienbeineisen, Schwerter hingen an ihren Gürteln und allein der Anblick ließ Elaine schwer schlucken. Der finstere Gesichtsausdruck beider Männer tat sein Übriges dazu, dass sie nicht glaubte, von ihnen freigelassen zu werden, aber vielleicht würde man sie immerhin zu jemandem bringen, der sie wirklich entlassen könnte.
„Elaine Eldridge?“, brummte einer von ihnen.
So eingeschüchtert wie sie war, konnte sie lediglich nicken, aber das genügte den beiden. Sie schlossen die Gittertür auf und gaben ihr zu verstehen, dass sie die beiden begleiten sollte. Es lag ihr fern, einen von ihnen – oder sogar beide – zu verärgern, deswegen sprang sie sofort auf und schloss sich ihnen an.
Der Weg durch den Kerker war deprimierend. Es waren zwar nur drei andere Zellen belegt, aber die Personen kauerten auf dem Boden, in den hintersten Ecken, in den Schatten gar, als ob sie sich vor dem Licht fürchten würden, das durch einige Fackeln verursacht wurde. Offenbar sah man keine Notwendigkeit darin, Elektrizität für die Gefangenen zu verwenden. Wieder fasste sie den Entschluss, lieber nicht herausfinden zu wollen, was das für Inhaftierte waren.
Entgegen ihrer Hoffnung führte man sie nicht nach oben, sondern lediglich zu einem Raum mit einer Tür, die vollkommen aus Metall gefertigt war. Das Innere war quadratisch und tatsächlich eine künstlich hochgezogene, nackte Wand an allen vier Seiten, statt Fels, was eine deprimierende Atmosphäre erschuf. In der Mitte stand ein Tisch und zwei Stühle, alles wurde von einer Lampe erleuchtet, in der ein flackerndes Feuer brannte.
Nachdem sie all diese Details in sich aufgenommen hatte, bemerkte sie die Person, die mit verschränkten Armen hinter dem Tisch stand. Es war eine Frau, die Elaine gut kannte, weswegen sie überrascht den Atem anhielt. Das hellblaue Haar, das ihr bis zu den Schultern reichte, passte hervorragend zu den giftgrünen Augen, die immer in die Seele ihres Gegenübers zu blicken schienen. Ihre hauptsächlich weiße, wallende Kleidung, zeigte, welch hohen Rang sie in der Kirche innehatte – und die Tatsache, dass sie oft auf dem Bildschirm der Kirchenankündigungen zu sehen war, ebenfalls.
„Ihr seid Magdalena Ashtray!“, entfuhr es der überwältigten Elaine, was ihrem Gegenüber ein Lächeln entlockte.
Magdalena gab den Soldaten zu verstehen, dass sie die Gefangene auf den Stuhl setzen und dann den Raum verlassen sollten. Als die Tür zufiel und abgeschlossen wurde, fühlte es sich an, als wäre nun alle Hoffnung vergebens, obwohl Magdalena, die sich ebenfalls setzte, noch kein Wort gesagt hatte, was sie nun aber nachholte: „Du kennst meinen Namen also, das erspart mir die Vorstellung. Dein Name ist Elaine Eldridge, stimmt's?“
Sie störte sich nicht daran, dass Magdalena sie derart respektlos ansprach, immerhin war sie als einfache Postbotin nicht im Mindesten mit einer Hohepriesterin vergleichbar. Stattdessen nickte sie also lediglich.
„Und soweit ich weiß, bist du Postbotin für den Slums-Bezirk von Nersrose.“ Als Magdalena das sagte, verzog sie ein wenig das Gesicht, als hätte sie eben in eine besonders saure Frucht gebissen.
Elaine wusste, dass die Slums nicht sonderlich beliebt waren, schon gar nicht in ihrem Arbeitsbereich, aber sie mochte diesen Ort. Er war mit fröhlichen Menschen belebt, die sich immer freuten, wenn man stehenblieb, um ein wenig mit ihnen zu plaudern. Sicher, sie waren allesamt arm an Besitz, aber dafür reich an einzigartigen Geschichten und Herzenswärme. Elaine genoss jeden Arbeitstag daher sehr.
Sie nickte wieder, worauf Magdalena fortfuhr: „Du errätst es sicher, meine nächste Frage ist, warum man dich unterhalb der Kirche aufgegriffen hat. Was hast du dort gesucht?“
Elaine sah keinen Grund, zu lügen, deswegen antwortete sie wahrheitsgemäß: „Ich war gerade auf dem Weg in die Slums, um meine Arbeit zu beginnen, als mich ein Mann anrempelte. Er stahl mir meine Posttasche und als ich ihn verfolgte, führte er mich erst in die Kirche und dann in einen Gang unter dieser, der mich wiederum in eine Höhle mit einem Drachen brachte.“
Sie hoffte, Magdalena würde etwas zu dieser Sache sagen, aber kein Wort diesbezüglich kam über ihre Lippen. Stattdessen griff die Hohepriesterin unter den Tisch und zog eine braune Ledertasche hervor, bei deren Anblick Elaine verständnislos die Augenbrauen hob. „Das ist meine...“
Doch wieder wurde ihre Hoffnung, dass etwas Gutes daraus erwachsen würde, zerstört, als Magdalena ihr sagte, woher sie diese Tasche hatte: „Wir fanden sie neben dir, unter der Kirche. Also kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Geschichte der Wahrheit entspricht.“
„Aber es ist wahr!“, begehrte Elaine sofort auf. „Ich wäre niemals in die Kirche hineingegangen, wenn dieser Mann nicht dort hinein geflohen wäre! Und dann war da diese Stimme...!“
Etwas in Magdalenas Augen flackerte kaum merklich, als Elaine das erwähnte. Es war ein Schimmer von Unglauben, Erkenntnis, Triumph, genau in dieser Reihenfolge, auch wenn alles nur für Bruchteile von Sekunden sichtbar war – und doch wusste Elaine sofort, dass sie etwas Falsches gesagt hatte und nun in der Falle saß.
„Nun, lassen wir diesen vermeintlichen Dieb mal weg... was ist geschehen, als du in der Kirche warst?“
Da sie bereits zu viel gesagt hatte, hielt sie es für besser, weiterhin ehrlich zu sein, vielleicht würde das Magdalena gnädig stimmen. „Ich bin einer Stimme gefolgt, die mich in einen Gang lotste, der in einen Raum voller elektrischer Ausrüstung führte. Und von dort kam ich in eine Höhle, in der ich einem Drachen begegnete. Er sagte, dass er lange auf mich gewartet hatte, dass er keine Zeit mehr hätte – und dann schoss er einen seltsamen Strahl auf mich ab. Danach wurde er zur Stein und ich fiel in Ohnmacht.“
Sie fand es erstaunlich, dass die ganze Sache so kurz zusammenfassbar war, während es sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatte, als sie alles erlebte.
Erneut bekam sie keinerlei Erklärung für die Geschehnisse, aber Magdalena schien über etwas höchst erfreut zu sein. „Das klingt wirklich alles wunderbar. Unerwartet, aber dennoch sind wir im Vorteil.“
Elaine verstand nicht, was das bedeutete, aber die ehrwürdige Aura, die Magdalena zu umgeben schien, ließ immer mehr nach, wie sie fand. Diese Frau war bei weitem nicht so ehrfurchtserweckend wie zu den Zeiten, an denen man sie auf dem Bildschirm sehen konnte – und sie war nicht im Mindesten hilfreich, denn Elaine war sich sicher, dass sie nicht aus dem Kerker entlassen werden würde. Also konnte sie auch ein wenig mutiger sein. „Im Vorteil?“
Magdalenas Blick fokussierte sich auf sie, ihre Augen schienen geradewegs in Elaines Seele zu blicken und doch kam es ihr gleichzeitig vor, als wäre die Mimik der Priesterin ein wenig weicher geworden.
„Du wirst es verstehen, wenn du-“
Ein lautes Geräusch, das auf dem Gang erklang, ließ sie innehalten und von ihrem Stuhl hochfahren. Angespannt lauschte sie nach draußen und als ein weiteres Geräusch, verbunden mit Schreien erklang, schritt sie rasch zur Tür hinüber.
„Du bleibst hier sitzen!“, herrschte sie Elaine noch an, bevor sie das Zimmer verließ.
Die Tür fiel hinter ihr zu und ließ die Gefangene einsam zurück. Ohne eine andere Person, selbst ohne die Priesterin, fühlte sie sich unangenehm verlassen in diesem Raum, als ob sie jeden Moment einfach ersticken müsste. Von draußen konnte sie in unregelmäßigen Abständen weiter laute Knallgeräusche hören, gefolgt von Rufen nach Verstärkung und der Aussage, dass es sich bei den Eindringlingen um Nimbatus-Mitglieder handelte.
Elaine sank tiefer auf ihrem Stuhl, als sie das hörte. Nimbatus-Mitglieder waren weithin als Feinde der Zivilisation bekannt, sie rebellierten gegen die Kirche Ners und all ihre Anhänger, zögerten nicht einmal davor, unschuldige Menschen zu töten und damit waren sie für jeden gefährlich.
Den einzigen Grund, der ihre Anwesenheit in Elaines Augen erklärte, war die Rettung eines gefangenen Mitglieds. Einer der anwesenden Gefangenen war vermutlich ein solcher. Sie hoffte nur, dass sie über all diesen Trubel nicht an diesem Ort vergessen werden würde.
Mit einem Schlag verstummten plötzlich alle Geräusche von draußen. Elaine hielt unwillkürlich den Atem an, sie wartete darauf, dass etwas geschah, dass wieder etwas zu hören war, jemand die Tür öffnete, jemand ihr sagte, dass alles gut war.
Sie starrte auf die Tür, als könne sie diese hypnotisieren und durch sie hindurch den Willen einer anderen Person beeinflussen. Eine vergebliche Hoffnung, wie sie wusste, aber genau in dem Moment, in dem sie aufgeben wollte, öffnete sich die Tür tatsächlich. Sofort schlug ihr Herz schneller, auch wenn sie nur mit der Rückkehr von Magdalena rechnete, die ein wenig vom Kampf gezeichnet war.
Doch die Person, die in der offenen Tür erschien, war nicht die Hohepriesterin und auch kein anderer Soldat. Es war der blonde Mann in der schwarzen Kleidung, der ihr die Tasche gestohlen und sie damit überhaupt erst in den ganzen Schlamassel befördert hatte. Seine goldenen Augen schimmerten ein wenig im Feuerschein, als er seinen Blick auf sie richtete. „Aha, habe ich dich gefunden.“
Sie sagte nichts, sondern starrte ihn nur an, als wäre er wahnsinnig geworden, sie so einfach hier aufzusuchen, vor allem, wenn er wirklich mit Nimbatus im Bunde war und gleichzeitig fragte sie sich, warum er sie eigentlich in diese ganze Angelegenheit hineingezogen hatte. Deswegen konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie wütend werden oder eine Erklärung fordern sollte und schwieg stattdessen.
„Tut mir Leid für die Umstände“, sagte er, als sie schwieg. „Ich erkläre dir alles später, jetzt muss ich dich erstmal hier rausbringen.“
„Rausbringen?“, fragte sie, als sie endlich etwas gefunden hatte, das ihr Gehirn vorrangig mehr interessierte. „Wohin?“
„Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Aras Astrauckas – und ich wurde von Caleb Blackthorne geschickt, um dich zu Nimbatus zu bringen.“
Ungebetene Hilfe
Auf dem Boden des Verhörraums sitzend, den Rücken gegen die Tür gelehnt, überlegte Elaine, wie sie in diese Situation gekommen war. Noch am Morgen war alles in Ordnung gewesen, sie war zur Arbeit gegangen, wie an jedem anderen Tag.
Dann war sie in der ihr verbotenen Kirche gewesen, war von einem Drachen mit irgendwas beschossen worden, wurde verhaftet, verhört und nun saß sie mit diesem Mitglied von Nimbatus – zumindest hielt sie ihn für einen solchen – auf dem Boden und wartete darauf, dass die Soldaten, die gerade draußen vorbeiliefen, endlich fort waren.
Nein, nicht ganz. Elaine hoffte, dass jemand hereinkommen und diesen Mann finden würde, ehe er ihr etwas antun könnte. Er beachtete sie im Moment nicht weiter, sondern konzentrierte sich auf die Geräusche, die aus dem Korridor kamen, sein Kopf war dabei in den Nacken gelegt.
Aber ihr fiel nichts ein, was sie tun könnte, um sich zu retten und als sie eine unbedachte Bewegung tat, blickte er sofort zu ihr, was ihr sagte, dass sie ihn wohl nicht überraschen konnte. Also konnte sie den Gedanken, ihn mit einem Stuhl niederzuschlagen, direkt vergessen. Nach Hilfe rufen wollte sie auch nicht, denn bis jemand gekommen wäre, um sie zu unterstützen, hätte er sie schon zum Schweigen gebracht und das für immer. Es tröstete sie nicht, dass die Wachen danach kurzen Prozess mit ihm machen würden.
Als die Wachen vorbei waren und die Schritte mit den fernen Kampfgeräuschen verschmolzen, atmete Aras auf und entspannte sich ein wenig, aber Elaine traute sich nach wie vor nicht, etwas zu tun.
„Alles klar?“, fragte er schließlich und brach damit die eingetretene Stille wieder.
Allerdings senkte diese sich sofort erneut über den Raum, da Elaine ihn nur wortlos anblickte, als hätte sie kein Wort von dem verstanden, was er da eben gesagt hätte. Sie fragte sich, ob mit ihm alles klar war, immerhin war sie wegen ihm erst in diesen Schlamassel geraten. Warum holte er sie nun also hier heraus? Sie beschloss, ihn das zu fragen.
„Ich habe meine Gründe“, antwortete er. „Ich sagte doch bereits, dass Caleb Blackthorne mich beauftragt hat, dich zu befreien.“
„Du verstehst nicht!“, brauste sie auf. „Warum musstest du mich erst in diese Situation bringen? Was hat Nimbatus davon?“
Doch er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich bin kein Mitglied von denen. Ich bin mehr... ein freier Mitarbeiter.“
Elaine fragte sich, wozu eine solche Organisation freie Mitarbeiter benötigte, aber die anderen Fragen, die sie betrafen, waren noch wesentlich wichtiger, weswegen sie nicht mehr diesbezüglich nachhakte.
„Und was hast du nun vor?“, meinte sie stattdessen. „Denkst du, ich werde einfach ruhig mit dir gehen?“
Egal welche Strafe sie in diesem Moment zu befürchten hätte oder was auch immer die Kirche mit ihr vorhatte, es war sicherlich angenehmer, als eine Gefangene der Rebellen zu sein, davon war sie überzeugt. Aber Aras würde sie nicht so einfach vom Haken lassen, wie er gleich darauf zeigte.
„Das verlangt niemand von dir“, erwiderte er mit unheilvollem Ton, der ihr nicht gefiel, weswegen sie lieber schwieg und nicht weiter widersprach.
Selbst die Kampfgeräusche schienen sich immer weiter von ihnen zu entfernen, weswegen Aras aufstand, wobei er sie mit sich zog und dann die Tür öffnete. Vorsichtig streckte er den Kopf hinaus, blickte in beide Richtungen den Gang entlang und zog sich erst dann wieder zurück. „Es sieht gut aus, wir müssten jetzt fliehen können. Und ich würde dir raten, lieber zu laufen, ich würde dich nur ungern tragen.“
Dabei bedachte er Elaine mit einem unterkühltem Blick, der es ihr unfähig machte, sich dagegen zu wehren. Seine freie Hand streifte über den Griff des Schwertes, das an seinem Gürtel befestigt war und noch eine zusätzliche Überzeugungsarbeit leistete. Es war besser, sie würde mit ihm fliehen und unverletzt überleben – um dann vor den Rebellen zu fliehen – als sich verletzen oder gar töten zu lassen.
Nachdem sie scheu genickt hatte, huschte er bereits aus dem Verhörraum hinaus und zog sie dabei hinter sich her. Es fiel ihr schwer, mit seinem flinken Tempo schrittzuhalten, weswegen sie sich schon nach wenigen Schritten erschöpft fühlte, aber dennoch traute sie sich nicht, ihm das mitzuteilen oder sich einfach fallen zu lassen und bemühte sich stattdessen noch mehr, um ihm zu folgen.
Aras führte sie wieder an den Zellen vorbei und dabei konnte sie einen genaueren Blick auf die anderen Inhaftierten werfen, was ihr einen erschrockenen Ausruf hervorlockte – und sie vor Überraschung stolpern ließ.
Da sie immer noch Aras' Hand hielt, stürzte sie nur auf ihre Knie und das nicht einmal sonderlich schmerzhaft. Aber selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte es sie in diesem Moment wohl nicht weiter gekümmert, denn ihr Blick war immer noch starr auf die Zelle gerichtet, vor der sie gerade kniete, während Aras versuchte, sie zum Aufstehen zu motivieren.
Womit genau er das versuchte, konnte sie nicht sagen, denn seine Worte erreichten sie lediglich als monotones Summen, dem jeglicher Sinn fehlte. Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt dem Gefangenen in der Zelle, obwohl sie sich gar nicht so sicher war, ob es sich dabei um einen Menschen handelte.
Sicher, die Statur war die eines Menschen, der die Knie angezogen und die Arme darum geschlungen hatte, aber er war über und über mit dunklen Schuppen bedeckt, deren Farbe sie nicht eindeutig erkennen konnte, da das Wesen sich im Schatten der Zelle verborgen hielt und sie misstrauisch aus großen gold-gelben Augen, denen jede Pupille fehlte, musterte. Hände und Füße waren durch Klauen ersetzt worden, an denen gefährliche aussehende Krallen befestigt waren.
Noch niemals zuvor hatte sie so etwas gesehen, ein Wesen, das sie mit gutem Gewissen als Mischung zwischen Mensch und Drache bezeichnet hätte, egal wie unrealistisch allein der Gedanke daran war.
Sie hob den Arm und deutete auf das Wesen, ehe sie leise „Was ist das?“ hauchte.
Aras folgte ihrem Blick, hob unbeeindruckt eine Augenbraue und sah dann wieder sie an. „Ein anderer Gefangener natürlich.“
„Aber er sieht nicht menschlich aus“, erwiderte sie.
„Ich weiß nicht, wovon du redest.“ Er klang gereizt und ungeduldig. „Für mich sieht er vollkommen normal aus. Also komm endlich, du hast ja jetzt schon Wahnvorstellungen.“
Mit einem heftigen Ruck zog er sie wieder auf die Füße zurück und lief dann weiter, wenngleich ein wenig langsamer als zuvor, vermutlich, um sicherzugehen, dass sie nicht noch einmal stürzen würde.
Doch Elaine ging dieser Anblick nicht mehr aus dem Kopf. Sie glaubte nicht daran, dass es nur eine Wahnvorstellung gewesen war, schon allein weil auch alle anderen Gefangenen, an denen sie vorüberkamen, demjenigen glichen, den sie so eindeutig hatte mustern können und die Laute, die sie von sich gaben, direkt in Elaines Knochen zu fahren schienen und sie zittern ließen. Hätte man sie gebeten, diese zu beschreiben, wäre es ihr nicht möglich gewesen, denn so etwas hatte sie noch nie zuvor gehört – am ehesten waren sie noch mit dem vergleichbar, was ein ungeübter Musiker auf einer ungestimmten Geige für Töne hervorbringen würde.
Wäre Aras ebenfalls als eines dieser Wesen erschienen, hätte sie die Theorie mit den Wahnvorstellungen geglaubt, aber da er vollkommen normal aussah, konnte sie es einfach nicht glauben, auch wenn es ihr lieber gewesen wäre.
Aras' Weg endete an einer Wand, in die ein Loch gesprengt worden war, was zu einem erneuten, entsetzten Ausruf von Elaine führte: „Ihr habt die Kirche entweiht?!“
„Das hier ist nicht die Kirche“, erwiderte er mit gerunzelter Stirn. „Und selbst wenn, wen kümmert's? Du solltest langsam von diesen Gedanken abkommen.“
Sie wollte ihm entgegnen, dass sie das sicher niemals tun würde, doch der scharfe Wind, der ihr entgegenschlug, kaum dass sie einige Schritte durch die Öffnung getan hatte, hielt sie sofort davon ab, genau wie der Anblick, der sich ihr offenbarte.
Es war nicht das erste Mal, dass sie den See jenseits von Nersrose sah. Er war riesig und damit groß genug, dass sie ihn aus dem Fenster des Postamtes sehen konnte, wenn sie morgens ihre Tasche abholte und abends zurückbrachte – wobei ihr einfiel, dass sie die Tasche im Verhörraum vergessen hatte – aber zweifellos sah sie ihn das erste Mal aus dieser Nähe.
Aras stand mit ihr auf dem Vorsprung einer Klippe, in die das Loch gesprengt worden war, das ihm Zutritt zum Kerker verschafft hatte, der offenbar wirklich nicht unter der Kirche lag, denn immerhin befanden sie sich mehrere Kilometer außerhalb der Stadt.
Das Wasser des Sees war kristallklar, so dass Elaine einen Moment lang der Überzeugung erlag, dass es gar nicht vorhanden und nur eine Einbildung wäre. Doch ein herunterfallender Stein, der die glatte Oberfläche kräuselte, bewies ihr, dass wirklich Flüssigkeit vorhanden war. Dennoch war sie davon überzeugt, dass es keine gute Idee wäre, in diesem See schwimmen zu gehen, geschweigedenn aus dieser Höhe hineinzuspringen. Messerscharfe Kristalle hatten sich unter der Wasseroberfläche gebildet, streckten die spitzen Enden in die Luft als warteten sie nur darauf, dass jemand töricht genug war, zu springen oder unglücklich genug, zu fallen und diese Person dann aufzuspießen.
Instinktiv klammerte sie sich an Aras' Arm, damit sie nicht fallen würde und er sie nicht stoßen könnte. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings etwas vollkommen anderem und als sie den Blick hob, wusste sie auch, worum es sich dabei handelte – und was den heftigen Wind verursachte.
Es war ein Flugschiff, doch es schien ohne jeglichen Ballon auszukommen, denn alles, was sie sehen konnte, war lediglich der großzügige Laib, der komplett aus dunklem, braunen Holz gefertigt war und sicherlich Platz für mehr als zwei Dutzend Personen bot. Die seitlichen, flexiblen Antriebe schienen es, entgegen jeder Logik, die Elaine kannte, in der Luft zu halten und schafften es dennoch, kaum einen Laut zu erzeugen.
„Was ist das denn?“, fragte sie und verfluchte sich gleichzeitig dafür, dass Angst in ihrer Stimme mitschwang.
„Unsere Fahrkarte hier raus“, erklärte Aras nüchtern, ohne zu erkennen zu geben, ob er ihre Furcht registriert hatte, wofür sie ihm widerwillig dankbar war. „Dieses Schiff wird uns zum Hauptquartier von Nimbatus bringen.“
Sie warf einen Blick hinter sich, hoffte, dass noch einer der Soldaten auftauchen würde, um ihr zu helfen – doch das einzige, was sie bis hierher verfolgt hatte, waren die Laute der Gefangenen, die sie dazu bewegten, hastig wieder nach vorne zu blicken.
Es gab keinen anderen Weg mehr, das wurde ihr in diesem Moment bewusst. Sie musste der Wahrheit ins Auge sehen, musste erkennen, dass sie nun zu den Rebellen gebracht wurde und damit vermutlich vom Regen in die Traufe geriet. Aber gleichzeitig wusste sie auch, dass darin eine Chance bestand. Sie würde nicht nur vor den Rebellen fliehen können, sie wäre dann auch in der Lage, der Kirche zu verraten, wo sich das Versteck ihrer Feinde befand. Mit einer solch wertvollen Information im Gepäck, würde man sie doch sicherlich nicht wieder in den Kerker schicken.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, störte es sie nicht einmal mehr, dass Aras sie derart zur Flucht drängte. Es konnte nur etwas Gutes dabei herauskommen.
„Es waren zehn Eindringlinge, Lady Ashtray, wir haben sie allesamt beseitigt.“
Magdalena blickte den Soldat vor sich, der ausgesendet worden war, ihr diese Nachricht zu übermitteln, mit bohrendem Blick an. „Waren es menschliche Eindringlinge?“
Die Augen des Mannes flackerten nicht, keine Verwirrung war darin zu sehen, also wusste er, worauf sie hinauswollte und sie kannte seine Antwort bereits, bevor er sie aussprach: „Nein. Sie scheinen aus Kristall bestanden zu haben... jedenfalls zerbrachen sie alle.“
Sie verkniff sich das genervte Schnauben und auch das wütende Knurren und schickte den Soldaten mit einer unwirschen Handbewegung fort, um das entstandene Chaos in den Gängen zu beseitigen, die am meisten in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Außerdem würde sich jemand die Wand ansehen müssen, durch die den Eindringlingen überhaupt der Zugang ermöglicht worden war.
Das waren alles niedere Arbeiten, die auch dieser einfache Soldat weiterdelegieren könnte, während ihr Blick sich auf die Posttasche heftete, die einsam im leeren Verhörraum zurückgeblieben war. Als Magdalena zurückgekommen war, hatte sie die Tür offen und den Raum leer vorgefunden. Sie war überzeugt, dass Elaine nicht von allein geflohen sein konnte, irgendjemand musste nachgeholfen haben, also hatte es elf Eindringlinge gegeben und einer von ihnen war tatsächlich ein Mensch gewesen.
Magdalena war sich nicht sicher, ob es gut oder schlecht war, dass die Gefangene entkommen konnte und glücklicherweise lag es nicht an ihr, das zu entscheiden. Das war die Aufgabe einer anderen Person, die möglicherweise auch genau gewusst hatte, dass so etwas geschehen würde und es für überflüssig erachtet hatte, sie vorzuwarnen.
Dennoch gefiel es ihr nicht, ihm mitteilen zu müssen, dass ihr eine Gefangene – vielleicht sogar die Gefangene – entkommen war. Wenn sie nur ein wenig achtsamer gewesen wäre...
Doch hastig schüttelte sie den Gedanken ab, nahm die Posttasche an sich und verließ dann den Raum.
Ich werde Belenus Bescheid geben, dachte sie, während sie das Licht löschte und schloss einen Moment später bereits die Tür, worauf der Raum in Dunkelheit und vollkommener Stille zurückblieb.
Endlich Antworten
Noch nie zuvor in ihrem Leben, war Elaine von so viel Metall und Eisen umgeben gewesen. Schon direkt nachdem sie an Bord gekommen war, hatte sie alles aufmerksam gemustert, als ginge es darum, den Fehler in der Konstruktion zu finden. Unverkleidete Zahnräder in unterschiedlichen Größen arbeiteten unermüdlich im Maschinenraum und trieben damit das Luftschiff an. Am Liebsten hätte sie gefragt, wie genau es funktionierte, aber sie glaubte nicht, dass Aras es wusste oder dass sie die komplette Erklärung verstehen würde.
Deswegen stellte sie keine Fragen, als sie ihm folgte und dabei all die Arbeiter bemerkte, die emsig damit beschäftigt waren, das Schiff in der Luft zu halten. Sie arbeiteten konzentriert vor sich her, schafften es aber dennoch ab und an, sich selbst loszureißen, um etwas zu sagen, das alle anderen zum Lachen brachte. Elaine war beeindruckt, so etwas kannte sie von den verkniffenen Arbeitern in Nersrose nicht.
Das Schiff war definitiv nicht dafür ausgestattet, Passagiere zu befördern. Dabei mangelte es nicht an der Größe, sondern vielmehr am Aussehen und der Sicherheit. Gefährlich dünne Stege verbanden breitere Laufwege, Kabel hingen sichtbar von der Decke, Ölflecken waren auf manchen Wänden zu sehen und alles war blankes Metall, ohne jede Form von Verkleidung, um zumindest den Anschein von Eleganz zu geben. Von außen hatte es wesentlich schicker ausgesehen.
Aber – und das konnte sie nicht verleugnen – es flog und das war immerhin die Hauptsache bei einem Luftschiff.
Aras führte sie nicht auf die Brücke, wie sie gehofft hatte, sondern in einen Raum, der die Bezeichnung Kapitänskajüte trug. Sofort begann ihr Herz schneller zu schlagen. Sie war davon überzeugt, dass sich Caleb Blackthorne darin befand und sie ihm gleich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würde. Dabei erinnerte sie sich, überraschend schnell, an all die Gerüchte, die über ihn die Runde machten.
Es hieß, sein Blick wäre so einschüchternd, dass sogar Giganten darunter schrumpfen würden. Seine Stimme so laut, dass sie mühelos durch ein Schloss hallte. Und sein Verstand so scharf wie seine Zunge, um seine Gegner verbal auseinanderzunehmen und sie geradewegs in die Raserei zu treiben, um ein leichteres Spiel mit ihm zu haben.
Seine Gnade dagegen wäre nicht im Mindesten präsent, sie war lange zuvor von ihm gegen etwas eingetauscht worden, das ihm helfen sollte, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen.
Am Liebsten wäre sie eingeknickt und vom Luftschiff gesprungen, aber Aras schob sie in die Kajüte hinein, so dass sie nicht ausweichen konnte. Hinter einem großen Schreibtisch stand ein Ledersessel, der mit dem Rücken zu ihr gekehrt war. Sie schluckte schwer, bereitete sich innerlich auf den Anblick dieses furchtbaren Mannes vor – und stieß einen überraschten Laut aus, als der Sessel umgedreht wurde und sie eine junge Frau vorfand.
Ihr langes schwarzes Haar war zu mehreren Pferdeschwänzen gebunden und sogar zu kleineren Zöpfen geflochten, was ihr Aussehen individueller machte, als alles, was Elaine bislang gesehen hatte. Ihre grün-blauen Augen glitzerten vergnügt und nahmen ihr schlagartig jede Furcht. Wer immer diese Person war, die sie da gerade anlächelte, sie führte bestimmt nichts Böses im Schilde.
Gespielt professionell beugte diese Fremde sich vor, legte die Unterarme auf den Tisch und faltete die Hände. „Herzlich Willkommen, Elaine. Du hast sicher jede Menge Fragen.“
„Ja. Wer bist du?“ Die Worte kamen schneller über ihre Lippen, als sie darüber nachdenken konnte.
Die Unbekannte lächelte, als hätte sie mit dieser Frage gerechnet und fühlte sich gar nicht von der fehlenden Höflichkeit angegriffen. „Mein Name ist Garnett Weaver. Ich bin die rechte Hand von Caleb Blackthorne – und den kennst du ja sicher.“
„Zumindest vom Namen her“, bestätigte Elaine murmelnd und wich zurück, bis sie beinahe gegen Aras stieß, der an der Tür stehengeblieben war. „Was will Nimbatus von mir?“
Garnett seufzte schwer und lehnte sich wieder zurück, sie legte ihre Arme auf die Sessellehnen. „Jetzt weiß ich, warum Caleb mich geschickt hat. Von wegen, ich käme besser mit Menschen zurecht.“
Sie schien wirklich empört darüber, dass sie ihm das geglaubt und sich deswegen dazu hatte breitschlagen lassen, nun hier zu sein. Aber Elaine konnte das nicht gleichgültiger sein, ihr waren Antworten wichtiger, als Garnett darin zu beruhigen, dass sie ihr nichts erzählen müsste, wenn es ihr zu kompliziert war.
Bevor sie allerdings wirklich aus Mitleid nachgeben könnte, räusperte Garnett sich. „Fein, nach allem, was du durchgemacht hast, verdienst du es sicher, dass wir dich ein wenig aufklären. Deswegen bin ich offenbar hier. Caleb hasst es, Leuten etwas erklären zu müssen.“
Sie schnitt eine Grimasse, die Elaine sagte, dass Garnett das bereits am eigenen Leib erlebt hatte und plötzlich war sie noch wesentlich glücklicher darüber, dass dieser Mann nicht hier war.
„Also, ich muss ein wenig ausholen“, sagte Garnett. „Du kennst sicher diese ganze Geschichte über den Krieg, wie die Kirche sie erzählt, ja?“
Elaine war davon überzeugt, dass jeder sie kannte. Einst hatten Drachen in dieser Welt gelebt und Jagd auf Menschen gemacht. Um sich diesen furchterregenden Wesen entgegenzustellen, wandten die Menschen sich an die Lenees – Elaine erinnerte sich oft daran, wie ihre Mitschüler bei diesem Namen gekichert hatten – eine wesentlich weiterentwickelte und technisch versierte, menschenähnliche Rasse. Diese erschufen mächtige Golem für die Menschen, um gegen die Drachen anzugehen. Eine solche Kampfmaschine erschlug den letzten Drachen und rief damit das Nebelerwachen herbei. Es war der letzte Strohhalm der Feinde gewesen, um dennoch so viele Menschen wie möglich auszulöschen. Die Kirche von Ners lehrte diese Geschichte, damit die Menschen nie ihren Hass auf die Drachen vergaßen und sich gleichzeitig daran erinnerten, dass diese Situation jederzeit wieder eintreten könnte.
Möglicherweise war deswegen ein Drache unter der Kirche eingesperrt gewesen, die Mitglieder wollten verhindern, dass sie sich erneut ausbreiteten. Und die Wesen im Kerker, gehörten ebenfalls in dieses Spektrum. Die Kirche war gut, wie viele Beweise wollte Nimbatus noch?
„Dein Blick sagt mir, dass du sie kennst“, bemerkte Garnett. „Die offizielle Version jedenfalls. Aber weißt du, dass sie gar nicht stimmt?“
„Ihr lügt.“ Sie sprach selten so überzeugt, aber in diesem Moment war sie es vollauf – allerdings war sie auch neugierig. „Was ist eure Variante?“
Wenn sie nun schon hier war, könnte sie sich auch anhören, welche Version, deren Verbreitung unter Strafe verboten war, Nimbatus erzählte.
Sie hatte erwartet, dass Garnett wütend über ihren Einspruch sein würde, aber sie lächelte immer noch sanft. „Unsere ist die Wahrheit. Es stimmt nämlich nicht, dass die Drachen gegen die Menschen und gegen die Golem gekämpft haben.“
„Aber der Krieg...“, wandte Elaine ein, sprach jedoch nicht weiter.
„Es gab damals einen Krieg, aber er wurde zwischen den Menschen und den Lenees ausgetragen.“
Das konnte sie nicht glauben. Unter diesen Voraussetzungen würde die Kirche gelogen haben, aus einem Grund, den sie nicht einmal erahnen konnte. Was sollten sie davon haben? Es gab immerhin keinen Grund, gegen die Drachen zu hetzen.
„Es ging darum, dass die Menschen eine Energiequelle in den Drachen sahen“, erklärte Garnett ungefragt. „Sie fanden Mittel und Wege, diese Wesen zu ihren Zwecken einzusetzen und ihnen Lebensenergie zu entziehen, um damit Strom zu erzeugen.“
Elaine dachte wieder an die Kirche, in der Lichter ohne Feuer gebrannt hatten, der Raum vor der Drachenhöhle und schließlich das Wesen, das sich in Stein verwandelt hatte. War er wirklich deswegen dort eingesperrt gewesen?
„Die Lenees wollten das nicht akzeptieren und forderten die Menschen auf, die Jagd auf Drachen und das Ausnutzen dieser einzustellen. Weil sie es nicht taten, kam es zum offenen Krieg, in dem die Lenees schließlich die Golem einsetzten.“
„Aber wie kam es zum Nebelerwachen?“
Sie war entschlossen, das alles erst zu glauben, wenn man ihr auch das erklären konnte, denn der Nebel hatte weithin seine Spuren hinterlassen, die ein nicht abzustreitender Fakt waren. Alles andere konnte nur das Ergebnis von zu wilden Geschichten sein, aber der Nebel war eine Tatsache.
„Ich fürchte, das kann dir nur Caleb wirklich beantworten.“ Garnett lächelte entschuldigend. „Diese Information wird geheimgehalten.“
„Von wem?“
Garnett warf Aras einen Blick zu, den Elaine nicht zu deuten wusste, aber sie hoffte, dass es kein geheimes Zeichen war, sie aus dem Weg zu räumen. Da nichts weiter geschah, war es das wohl nicht, aber entspannen konnte sie sich dennoch nicht.
„Du bist ziemlich neugierig, was?“, bemerkte Garnett amüsiert schmunzelnd. „Das ist eine gute Eigenschaft, ich war früher auch so. Okay, vielleicht bin ich es heute noch.“
Wirklich beruhigt fühlte Elaine sich davon noch nicht, mit stoischem Gesichtsausdruck wartete sie nach wie vor auf ihre Antwort. Aber Garnett seufzte leise. „Du wirst es mir ohnehin nicht glauben, aber es ist die Kirche selbst, die es geheimhält – und selbst Caleb hält sich daran.“
Dann war Caleb einmal ein Mitglied der Kirche?
Diese Sache wurde immer seltsamer. Der Anführer der Rebellen war einst ein Mitglied der Kirche gewesen und hatte sich dann gegen sie gewendet, aus Gründen, die sie nicht kannte. Vielleicht, weil er die Wahrheit erfahren hatte? Oder kannten die Oberhäupter der Kirche die Wahrheit bereits und er wollte nur keine Lüge mehr leben?
Das ist Unsinn!, rief sie sich selbst zur Ordnung. Es gibt keinen Grund, dass die Kirche lügt. Viel eher ist es Nimbatus, die sich etwas ausgedacht haben.
Allerdings konnte sie das nun nicht aussprechen. Erst einmal musste sie die Ruhe bewahren und gute Miene zum bösen Spiel machen, bis sich ihr die Gelegenheit zur Flucht bot.
Elaine atmete durch. „Gut, ich gehe einfach mal davon aus, dass das alles stimmt, auch wenn ich es nicht glaube. Was habe ich damit zu tun?“
Garnett schien nur auf diese Frage gewartet zu haben und ratterte einen Text herunter, den sie offenbar auswendig gelernt hatte: „Nimbatus will die Drachen und die Lenees um Vergebung für das bitten, was damals geschehen ist, damit sie mit vereinten Kräften die Welt wieder herstellen. Dafür benötigen sie aber einen Vermittler, jemand der von den Drachen als gleichwertig angesehen wird. Hin und wieder gibt es solche Menschen, die mit der Seele eines Drachen geboren werden und deswegen auch mit ihnen kommunizieren können.“
Die Stimme des Drachen kam ihr wieder in den Sinn. Sie hatte angenommen, dass es allen Menschen möglich war, mit ihnen zu sprechen, aber wenn nur manche über diese Gabe verfügten...
„Moment mal! Mit der Seele eines Drachen geboren?!“
Elaine hatte so etwas noch nie gehört, es klang geradezu lächerlich, aber allein der Gedanke, dass sie zu dieser Art gehören sollte, jagte ihr eiskalte Schauer über den Rücken.
Garnett lachte dagegen vergnügt. „Ich dachte schon, du würdest gar nicht darauf anspringen. Ja, es gibt Menschen, die mit der Seele eines Drachen geboren werden. Niemand weiß so recht, weswegen, aber es heißt, dass sie eigentlich aussehen wie Drachenmenschen.“
Elaine griff sich sofort ans Gesicht, um dieses nach den Schuppen abzutasten, die sie bei den Gefangenen gesehen hatte. Vielleicht hatte sie sich all die Jahre nur eingebildet, wie ein normaler Mensch auszusehen – aber zu ihrer Erleichterung ertastete sie keine.
„Was ist mit den Menschen im Kerker?“, fragte sie.
Warum waren sie allesamt eingesperrt worden? Warum wurden sie von Nimbatus nicht befreit?
Garnett sah wieder zu Aras, der auf ihre unausgesprochene Frage antwortete: „Es waren noch andere Leute eingesperrt und von Elaines Reaktion ausgehend würde ich sagen, dass es auch Drachenmenschen waren. Für mich sahen sie aber normal aus.“
Diese Aussage ließ Garnett die Stirn runzeln. „Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie haben anscheinend versucht, jemand Bestimmtes mit einer Drachenseele zu finden.“
„Ja, mich“, sagte Elaine, als sie sich wieder an Magdalenas Reaktion zurückerinnerte. „Aber weswegen?“
Garnett schien mit sich zu kämpfen, irgendetwas lag ihr auf der Zunge, aber sie durfte es offenbar nicht sagen und sie wollte sich auch unbedingt daran halten und gleichzeitig doch ihr Wissen teilen. Gerade, als sie den Mund aufmachte, um ihrem Drang nachzugeben – so hoffte Elaine jedenfalls – fuhr eine Erschütterung durch das Luftschiff, die derart heftig war, dass sie mit einem erschrockenen Schrei zu Boden stürzte. „Was...?!“
Ein Alarm erfüllte das Schiff und das gefiel Elaine noch wesentlich weniger.
„Was passiert jetzt?“, fragte Aras, der sich inzwischen auf den Boden gekniet hatte, um nicht zu stürzen.
Er musste gegen das anhaltende Schrillen der Sirene anschreien. Garnett klammerte sich an den Tisch, um nicht aus den Sessel zu stürzen. „Wir stürzen ab!“
Sie klang viel zu ruhig, wie Elaine fand, als ob sie schon mehrmals abgestürzt wäre und obwohl sie es für unangenehm befand, sah sie kein weiteres Problem darin.
Wäre ich nur niemals eingestiegen, durchfuhr es Elaine, während sich das Luftschiff viel zu schnell dem Boden näherte. Ich hätte lieber im Kerker bleiben sollen.
Aus Stein
Elaine hätte nicht erwartet, jemals wieder aufzuwachen. Aber der dumpfe Schmerz, der sich in ihrem Inneren ausbreitete, sagte ihr mehr als deutlich, dass sie immer noch lebte und als sie die Augen öffnete, stellte sie auch fest, dass sie mit viel Glück gesegnet gewesen war.
Der gesamte Raum lag komplett auf der Seite, sie, Aras und Garnett lagen auf einer Wand, gespickt mit Glasscherben, da die Rahmen von gegenüber herabgefallen und zerbrochen waren. Der Tisch hatte sich glücklicherweise nicht mal ein wenig verschoben, wie Elaine später erfahren sollte, lag das daran, dass er mit dem Boden verschraubt worden war.
Das Fenster war ebenfalls zersplittert, lag allerdings derart unpraktisch an einen Felsen gelehnt, dass man nicht hinausklettern konnte.
Elaine blickte an sich herab und stellte erleichtert fest, dass sie nicht verletzt war, selbst ihre Schmerzen hielten sich einigermaßen in Grenzen und betrafen hauptsächlich ihre Schultern, mit denen sie wohl aufgekommen sein musste.
Als sie die anderen beiden musterte, bemerkte sie, dass auch die beiden nicht verletzt waren, jedenfalls nicht äußerlich, aber wach waren sie ebenfalls noch nicht.
Elaine stand auf und versuchte, die Tür zu erreichen, doch selbst als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, kam sie nicht an die Klinke. Ihre Fingerspitzen streiften das Metall, schafften es aber nicht, es zu ergreifen, um die Tür zu öffnen.
Aras müsste es schaffen, sagte ihr ein kurzer Blick, also müsste sie tatsächlich warten, bis er wach wurde. Sie fragte sich, wie spät es wohl war und wie hoch die Wahrscheinlichkeit sein mochte, dass jemand von der Kirche bereits hierher unterwegs war. So einen Absturz müsste man doch immerhin weithin sehen, sagte sie sich, er erzeugte immerhin jede Menge Rauch. Aber bräuchte man dafür nicht ein Feuer? Ein solches roch sie immerhin nicht, also wusste vielleicht noch niemand, dass sie abgestürzt waren.
Aber was bringen all die Gedanken? Festsitzen tun wir so oder so.
Plötzlich begann Aras sich ebenfalls zu regen und einen Moment später, blickte er sich bereits suchend um. Schließlich verharrten seine Augen auf Elaine und schon stand er aufrecht vor ihr.
„Alles in Ordnung?“, fragte er und sie glaubte tatsächlich, eine Spur Besorgnis in seiner Stimme zu hören.
„Dafür, dass ich gerade einen Luftschiffabsturz überlebt habe, geht es mir wirklich sehr gut. Wie ist es mit dir?“
„Dasselbe.“
Sie sahen beide zu Garnett hinüber, die noch nicht wach war. Er neigte den Kopf. „Ich habe gehört, dass sie schon mehrere Abstürze überwunden hat. Die Crewmitglieder munkeln, sie ist aus Stein.“
„Haben die dann nicht auch schon mehrere Abstürze überlebt?“
Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wie gesagt, ich bin nur ein freier Mitarbeiter.“
„Das verstehe ich nicht. Warum arbeitest du für sie?“
Es sah nicht so aus, als würde er antworten wollen, aber schließlich rang er sich zu etwas durch, was er wohl verantworten konnte: „Sagen wir, unsere Interessen überschneiden sich und ich hielt es für angebracht, die Ressourcen von Nimbatus mit meinen zu kombinieren.“
Das sagte ihr zwar nicht sonderlich viel, aber ihr war auch bewusst, dass es sich dabei um ein sehr persönliches Thema handelte und sie deswegen nicht zwingend weiterforschen sollte. Auch wenn er, ihrer Meinung nach, nicht wirklich Respekt verdient hatte, immerhin hatte er sie entführt.
Vielleicht hatte er einen wirklich guten Grund?, warf ihr Unterbewusstsein ein. Vielleicht stimmt das, was Nimbatus erzählt?
Sie schob den Gedanken erst einmal von sich, da Garnett sich in diesem Moment ebenfalls zu regen begann. Als sie sich streckte, gab sie ein Geräusch von sich, als wäre sie in diesem Augenblick aus einem tiefen und erholsamen Schlaf erwacht. Sie sah sich um und erkannte, scheinbar wohlwollend, dass das Schiff wirklich abgestürzt war. „Letztes Mal lagen wir auf dem Kopf, das war viel spannender.“
Elaine wunderte sich ein wenig, dass sie sich keine Sorgen um die Mitglieder der Mannschaft machte, aber wenn sie wirklich derart viele Abstürze bereits miterlebt hatte, konnten sie sich inzwischen vermutlich rechtzeitig sichern, ehe es zu schweren Verletzungen kommen könnte.
„Dir scheint es gutzugehen“, stellte Aras fest. „Dann sehen wir lieber zu, dass wir hier rauskommen.“
Während sie sich aufrichtete, trat er direkt unter die Tür. Wie Elaine erwartet hatte, erreichte er den Knauf ohne Probleme und schaffte es damit auch spielend, die Tür zu öffnen. Sie hing in den Raum hinein und das zeigte Elaine ein weiteres Problem: „Wie kommen wir jetzt da hoch?“
„Nichts leichter als das“, antwortete Aras. „Ich helfe euch hoch und dann ziehe ich mich nach oben.“
Er blickte zu Garnett, die keinen Widerspruch einlegte, dann sah er zu Elaine und hustete verlegen. „Na ja, vielleicht warten wir mit Elaine auch bis zum Schluss.“
Sie wollte gerade fragen, weswegen man sie derart behandeln sollte, da fiel ihr selbst wieder ein, dass sie einen kurzen Faltenrock trug, der bei ihrer Uniform vorgeschrieben war. Hitze stieg ihr ins Gesicht, sie nickte hastig. „Ja, das wäre wohl besser.“
Garnett trat mit einem Kichern vor. Aras ging leicht in die Knie, die Hände ineinander gefaltet, die Handflächen nach oben gerichtet. Sie stieg mit dem Fuß darauf, er drückte die Knie durch, um ihr nach oben zu helfen. Sie bekam etwas zu fassen und zog sich nach oben.
Kaum war das geschafft, half Garnett Aras zu ihr herauf. Elaine trat unter die Öffnung und blickte nach oben. Niemand war mehr zu sehen und für einen kurzen Moment befürchtete sie, dass man sie hier zurücklassen würde, doch dann erschien Aras wieder in der Tür und reichte ihr die Hand. „Fertig. Du kannst hochkommen.“
Obwohl Elaine es nicht so recht glauben konnte und ihre Arme sich anfühlten, als würden sie viel zu überdehnt, schaffte er es tatsächlich, sie nach oben zu ziehen, wo sie erst einmal erleichtert ausatmete, ehe sie sich bedankte. Aras winkte wortlos ab, fuhr herum und folgte dann anscheinend Garnett, die bereits vorausgelaufen war. Elaine beeilte sich, diesem Beispiel zu folgen. Solange sie nicht wusste, wo sie war, wollte sie lieber nicht zurückgelassen werden.
Es fiel ihr nicht sonderlich leicht, über die Wand des Luftschiffes, die nun als Boden fungieren musste, zu laufen. Stellenweise gab es Lücken, an denen sie zu stolpern drohte, an anderen Stellen lief Öl heraus, das ebenfalls die Absicht hatte, sie stürzen zu lassen.
Doch schließlich kam sie unbeschadet, wenngleich reichlich verspätet, bei Aras und Garnett an. Letztere war gerade dabei, sich bei ihrer Crew nach deren Befinden zu erkundigen. Wie es aussah, hatten alle den Absturz gut überstanden, was für Elaine an ein Wunder grenzte, aber wieder ihren Verdacht unterstrich, dass sie erfahren in Schutzmaßnahmen waren. Jeder von ihnen grinste und sah gut gelaunt aus, Blut war keines zu entdecken.
Schließlich wandte Garnett sich ihr und Aras zu. „Wir müssen durch den Notausstieg und nachsehen, wo wir sind. Vermutlich müssen wir auch den Rest des Weges laufen.“
Elaine verzog unwillig ihr Gesicht. Sie wurde entführt und musste nun auch noch selbst zum Versteck ihrer Entführer laufen. Was für eine traurige Angelegenheit.
Statt etwas zu sagen, folgte sie Garnett und Aras zum Notausstieg. Es war eine Luke, die normalerweise im Boden des Luftschiffs war, nun aber als seitlicher Ausgang fungieren konnte.
Garnett öffnete die Luke und ging zuerst hinaus, direkt gefolgt von Aras, während Elaine wieder einmal das Schlusslicht bildete.
Kaum stand sie draußen, legte sie den Kopf in den Nacken und starrte überwältigt auf die Umgebung. Vor ihr erstreckte sich ein Wald, was nicht weiter ungewöhnlich war. Das Besondere, was sie so fasziniert sein ließ, war die Tatsache, dass die unendlich groß erscheinenden Bäume und auch jede einzelne Blume, jeder Grashalm, allesamt versteinert waren. Es war raues Gestein, dessen bloßer Anblick genügte, um einem mitzuteilen, dass es schmerzhaft wäre, die Hand darüber gleiten zu lassen.
„Wo sind wir?“, fragte sie mit ehrfurchtsvoller Stimme.
„Das ist der steinerne Wald von Terrins“, erklärte Garnett und fügte sofort hinzu: „Weißt du, wenn verschiedene Formen von Magie aufeinandertreffen, resultiert das oft in einer Wechselwirkung, die in derartigen Dingen endet, weil sie die Naturgesetze außer Kraft setzt oder umkehrt. In diesem Wald wurde eine der Schlachten während des Kriegs ausgetragen.“
Elaine fragte sich, wie es früher einmal hier ausgesehen haben mochte, welche Tiere an diesem Ort existiert hatten und wie es ihnen ergangen war, nachdem ihr Lebensraum zu Stein geworden war. Es schmerzte in ihrer Brust und trieb ihr fast die Tränen in die Augen.
„Wie lange wird es dauern, bis wir wieder im Hauptquartier sind?“, fragte Aras.
„Wenn wir den Wald durchquert haben, sind wir fast da. Wir kriegen das hin.“
Elaine war sich da nicht so sicher, aber etwas anderes beschäftigte sie noch mehr: „Bleibt die Mannschaft hier?“
Garnett nickte. „Irgendjemand muss das Schiff ja wieder flottkriegen. Wir können es hier schlecht einfach nur herumliegen lassen.“
„Aber was, wenn Mitglieder der Kirche hier eintreffen?“
„Ach, die betreten den Wald nicht. Wir haben dir ja erzählt, dass hier einst eine Schlacht getobt hat, deswegen glaubt man, dass es hier viele Geister gibt – und damit ist das hier ein unheiliger und gleichzeitig heiliger Ort und deswegen wird niemand aus der Kirche einen Fuß hier hereinsetzen.“
Derart viel Aberglaube konnte Elaine sich nicht in den Rittern der Kirche vorstellen, weswegen ihr die Erklärung, die Aras gleich darauf lieferte, wesentlich besser gefiel: „Ich habe gehört, sie fürchten vielmehr den Wächter dieses Waldes. Er soll schon einige Ritter getötet haben.“
Davon hatte sie zwar nie gehört, aber Elaine war eher geneigt, das zu glauben. Garnett wiederum winkte ab. „Na ja, was auch immer. Jedenfalls sind wir hier sicher.“
Elaine fragte sich, warum sie sich keine Gedanken darum machte, was mit ihnen geschehen könnte, wenn die Gerüchte und Geschichten stimmten, erhob aber keinen Einspruch. Sie folgte Garnett und Aras, die bereits zwischen den Bäumen entlangliefen. Selbst der Weg war aus Stein, wie sie feststellte. Das war sie zwar bereits aus der Stadt gewohnt, aber hier war der Boden uneben, weswegen es sich wesentlich unbequemer anfühlte.
„Ist es wirklich sicher, hier herumzulaufen?“, fragte Elaine doch nach wenigen Schritten.
Eine unheilvolle Stille lag auf dem Wald, kein Tier war zu sehen, nicht einmal ein versteinertes. Die Sonnenstrahlen schafften es nur mühsam durch das Gewirr aus steinernen Ästen zu ihnen herab, was die bedrückende Atmosphäre nur weiter verstärkte.
Garnett stemmte eine Hand in die Hüfte. „Dieser Wald ist frei von jedem Untier oder gar Bestie.“
„Bestie?“ Schockiert hielt Elaine sich die Hände vor den Mund.
„Was lernt ihr eigentlich in Nersrose?“, fragte Aras. „Seit dem Krieg sind viele Gebiete, außerhalb eurer Stadt natürlich, von Bestien verseucht. Vermutlich auch ein Ergebnis des übermäßigen Magieeinsatzes.“
Davon hörte sie an diesem Tag das erste Mal. Warum verheimlichte die Kirche das? Und warum griffen diese Wesen die Stadt nicht an?
Aras zuckte auf diese Frage allerdings nur mit den Schultern und auch Garnett schien keinerlei Ahnung zu haben – oder sie wollte es nur nicht ausplaudern.
„Aber nehmen wir an, es gibt hier doch Bestien, wie würden wir uns dann wehren?“
Die beiden schwiegen, was ihr aber Antwort genug war. Im Endeffekt blieb ihr also nur die Hoffnung, dass nichts geschehen würde und das war nicht sonderlich viel.
Zu ihrer Erleichterung geschah den Großteil des Weges nichts weiter und sie war bereits gewillt zu glauben, dass ihre Einbildung ihr nur einen Streich spielte und es gar nichts Furchtbares oder Unheilvolles an diesem Ort gab – bis sie plötzlich eine leise Stimme hörte: „Endlich bist du da. Ich warte schon so lange.“
Augenblicklich blieb sie stehen und sah sich um. Die Stimme war eine andere gewesen, aber es war dasselbe Gefühl, wie jenes, das sie in der Kirche überkommen war, wann immer der Drache mit ihr gesprochen hatte. Bedeutete das etwa...?
Aras blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu ihr. „Was ist los?“
Weder er noch Garnett schienen etwas gehört zu haben, weswegen Elaine sich nicht sicher war, ob sie etwas sagen sollte. Sie wollte – nein, sie musste – der Stimme folgen und fürchtete gleichzeitig, dass es keine gute Idee war und die beiden ihr genau das auch bestätigen würden. Aber würde sie es schaffen, die beiden abzuhängen, um der Stimme zu folgen?
Rasch schloss sie sich ihnen wieder an und zu ihrem Glück begannen die beiden eine Unterhaltung darüber, ob sie den Verfolgern der Kirche bereits weit genug entkommen waren – immerhin könnten sie auch rund um den Wald herum warten – oder ob es vielleicht gar keine gegeben hatte.
Sie ließ sich noch ein wenig weiter zurückfallen, wartete, bis die beiden wieder nach vorne sahen und rannte dann so schnell sie konnte ins Unterholz. Die versteinerten Überreste der Vegetation rissen ihr die Haut an ihren Beinen auf, aber sie hielt dennoch nicht inne, auch nicht, als Aras und Garnett nach ihr riefen.
Entschlossen, sich nicht aufhalten zu lassen, ehe sie ihr Ziel erreicht hatte, rannte sie immer weiter. Doch noch bevor sie diesen Punkt erreicht hatte, gab es etwas auf einer Lichtung, das sich ihr in den Weg stellte. Es waren weder Aras, noch Garnett und auch keine undurchdringbare Wand aus steinernen Pflanzen und auch nicht dieser Wächter. Was sich ihr entgegenstellte, waren zwei Wölfe, die etwa doppelt so groß sein mussten wie normale Artgenossen und die noch dazu vollkommen aus Stein zu bestehen schienen. Dass sie sich dennoch bewegen konnten, war ein weiteres Wunder an diesem Tag, auf das Elaine aber getrost hätte verzichten können.
„Warum passiert mir das alles?“, fragte sie leise seufzend.
Die Wölfe knurrten, legten die Ohren an und gingen in Angriffsstellung. Elaine wich ein wenig zurück, sich selbst im Klaren darüber, dass sie nicht schaffen könnte, diese beiden Wesen abzuhängen, schon allein, weil sie den Wald sicher besser kannten, als sie.
Sie faltete die Hände vor ihrer Brust, senkte den Kopf und schloss die Augen.
„Ich glaube an Ner, die allmächtige Göttin und Mutter“, begann sie ihr verzweifeltes Gebet. „Sie wird mich aus meiner Not erlösen. Ich glaube an Ner, die allmächtige Göttin und Mutter...“
Doch ihr Gebet wurde unsanft unterbrochen, als einer der Wölfe sprang, um sie anzugreifen – und im selben Moment hörte die Welt auf, sich zu drehen.
Die Bewegungen dieser Wesen verlangsamte sich zu einem Grad, dass es wirkte, als würden sie schlafwandeln, die Laute, die sie von sich gaben, klangen verzerrt. Ein hellroter Schleier lag vor ihren Augen und tauchte alles in ein unheimliches Licht, das ihr so vertraut schien als wäre sie damit bereits geboren worden und wäre sich dessen bis eben nur nie bewusst gewesen.
Einer der Wölfe setzte unendlich langsam zum Sprung an, eine Stimme riet ihr, auszuweichen, aber eine unendlich groß erscheinende Sicherheit erwiderte ihr mit aller Ruhe, dass sie nichts zu befürchten hatte – und im nächsten Moment war der Wolf bereits zu Kristall erstarrte, nun nur noch eine Statue, die keinerlei Gefahr mehr für sie darstellte.
Der andere Wolf ließ sich davon nicht einschüchtern, er sprang dennoch, aber seine Bewegungen waren derart verzögert, dass sie lediglich einen knappen Schritt zur Seite machen musste, um ihm auszuweichen. Als er wieder auf dem Boden aufkam, hatte er sich ebenfalls in Kristall verwandelt und kippte danach einfach um.
Wieder war da diese zaghafte Stimme, die ihr sagte, dass sie außer Gefahr war und sich nun keine Sorgen mehr machen musste, aber dann war da auch noch die andere, wesentlich lautere, die sich enttäuscht zeigte und noch mehr wollte. Mehr Opfer, mehr Gelegenheiten, um diese Kräfte einzusetzen, mehr... mehr, mehr!
